»Langer Atem erforderlich«

Interview und Foto: Thomas Masuch - 09.09.2019

Die Luftfahrtindustrie kann für Lieferanten ein attraktives Geschäftsfeld sein. Wir haben mit Eric Wycisk, Co-Gründer und Geschäftsführer von Ampower, über die Entwicklung der Zulieferkette für AM-Bauteile in der Luftfahrt gesprochen. Das Hamburger Beratungsunternehmen für Additive Fertigung ist im ZAL in Hamburg-Finkenwerder angesiedelt und schult unter anderem seit 2019 Airbus-Ingenieure in den Bereichen Grundlagen, Prozesse und Design der Additiven Fertigung.

In der Luftfahrt-Industrie scheinen OEMs auch bei additiv gefertigten Teilen gern auf ihre bekannten Zulieferer zurückzugreifen. Warum fällt es jungen AM-Unternehmen schwer, hier Fuß zu fassen?

WYCISK: In der additiven Welt kommen Zulieferer und Dienstleister bisher in der Regel aus dem Prototypenbereich und sind entsprechend flexibel. Bei der zertifizierten Fertigung für die Luftfahrt muss man dagegen starre Prozesse einhalten und damit immer wieder das gleiche Ergebnis liefern. Voraussetzung sind die Zertifizierungen EN 9100 und Nadcap. Man geht eine langfristige Vereinbarung ein und muss zuverlässig liefern. Und dann kommt noch hinzu, dass man auf einmal über Preise hart verhandeln muss. Insgesamt erfordert die Serienproduktion in der Luftfahrt sehr hohe Auflagen, die mit entsprechenden Aufwänden für Qualifizierung und Zertifizierung einhergehen. Das führt dazu, dass sich eine Lieferantenkette entwickelt, die wir zum Beispiel von Frästeilen kennen.

 

Welche Voraussetzungen muss ein Dienstleister für die Luftfahrt vorweisen?

WYCISK: Das kommt auf die Anforderungen der OEMs an. Das kann so weit gehen, dass mehrere Hundert Proben zur Prüfung verschiedenster Eigenschaften verlangt werden und man diese von Laboren, die für die Luftfahrt zertifiziert sind, prüfen lassen muss. Die Aufwände für so ein Prozedere können schnell im sechsstelligen Bereich liegen. Und dabei ist speziell im Bereich der Strukturbauteile noch nicht einmal sicher, welche Auftragsvolumen in naher Zukunft vergeben werden.

 

Wo liegt bei der Fertigung von AM-Bauteilen für Flugzeuge die größte Wertschöpfung? Und gibt es hier Parallelen zu anderen Branchen?

WYCISK: Bei sicherheitskritischen Bauteilen betragen die reinen Fertigungskosten nur etwa ein Drittel. Der Rest sind Nachbearbeitung und Qualitätssicherung. Speziell im Bereich der Raumfahrt spielt auch die Reinigung der Bauteile eine große Rolle. Hier haben wir in der Luftfahrt eine ähnliche Kostenstruktur wie in der Medizintechnik. Auch in der Medizintechnik sehen wir daher nur wenige etablierte Lieferanten. Additiv gefertigte Hüftpfannen werden von den Unternehmen, die sie in den Verkehr bringen, oft auch selbst produziert.

 

Was für eine Entwicklung erwarten Sie in den nächsten Jahren?

WYCISK: Die Luftfahrt-OEMs sind dabei, erste Bauteile zu qualifizieren bzw. auf den Markt zu bringen. Zurzeit sehen wir daher einen starken Fokus auf einer internen Fertigung, auch um weiterhin ein besseres Prozessverständnis zu entwickeln. Größere Fertigungskapazitäten bei Lieferanten werden unserer Meinung nach erst in einigen Jahren benötigt. Für mögliche Lieferanten ist es allerdings wichtig, frühzeitig die notwendigen Prozesse zu etablieren und ihre Fertigung zu zertifizieren, um dann am wachsenden Bedarf teilhaben zu können. Zunächst setzt dies jedoch einen langen Atem voraus.

Ampower auf der Formnext 2019

Halle 11.0, Stand C29

Die große Airbus Highlight Story gibt es »hier.