VOM FARBTOPF IM KELLER BIS AUF DEN WELTMARKT IN FÜNF JAHREN

Text: Thomas Masuch; Fotos: Dyemansion, Maria Johannes - 27.05.2018

Eigentlich wollten Felix Ewald und Philipp Kramer vor fünf Jahren als frische Jungunternehmer individuelle, 3D-gedruckte Handyhüllen verkaufen. Doch bis heute haben die Gründer von Dyemansion kein einziges Handy-Case erfolgreich abgesetzt. Stattdessen richteten sie ihr Start-up auf industrielle Färbe- und Finishing-Anwendungen aus und haben damit international Erfolg. Geholfen hat ihnen dabei auch die formnext Start-up Challenge.

Schon während ihres Studiums hatten Ewald und Kramer von 3D-Druck gehört, »und das klang ziemlich cool«. Es entstand die Idee mit den Handyhüllen, die sie von München aus bei Dienstleistern bestellten und an große Unternehmen liefern wollten. Doch die in der jeweiligen Corporate Identity des Kunden gestalteten Hüllen hinterließen ihre Farbe meist in den Hosentaschen der Kunden und kamen als Reklamation zurück. »Wir hatten damals die Wahl: Etwas ganz Neues machen, oder eine eigene Färbelösung entwickeln«, so der Wirtschaftsinformatiker Ewald.

NACH EINEM HALBEN JAHR EIN GUTES SCHWARZ

Damals erst 23 und 25 Jahre alt, beschäftigten sich die beiden Tüftler mehrere Monate lang mit verschiedenen Färbeprozessen, kontaktieren Experten aus der Textilbranche und kochten ihre Farbrezepturen selbst im Keller in München.

"Aktuell gibt es weltweit einen großen Bedarf im Bereich Färbelösungen und dem müssen wir uns stellen, bevor andere Firmen aufschließen."

Nach rund einem halben Jahr konnten sie immerhin ein gutes Schwarz färben und die Produktion der selbstgefärbten Handyhüllen sollte anlaufen. Gleichzeitig trafen sie bei einem Gründertreffen in München auf Arno Held von AM Ventures, der auf Additive Fertigung spezialisierten Investitionsgesellschaft des EOS-Gründers Dr. Hans Langer.

VON HANDYHÜLLEN EHER GELANGWEILT

Doch Held war von den Handyhüllen »eher gelangweilt, das gab es damals von zu vielen Anbietern«. Mehr Interesse hatte Held an den Farben der 3D-gedruckten Hüllen: »Dafür habe ich schnell ein vernünftiges Businessmodell gewittert.« Schließlich gab es laut Held zu jener Zeit nur einen Anbieter von Färbetechnologie für gesinterte Teile, die ihn aber technisch und wirtschaftlich nicht überzeugt habe.

Held war nicht nur von der Färbelösung, sondern auch von der Mentalität der beiden jungen Unternehmer überzeugt. Und so beteiligte sich AM Ventures an Dyemansion und finanzierte die weitere technische und unternehmerische Entwicklung. Die Mehrheitsbeteiligung blieb aber bei den Gründern. Dank der Finanzspritze konnte das damals vier Mitarbeiter zählende Unternehmen auf der formnext 2015 den ersten Prototypen ihrer Färbeanlage auf der formnext start-up-area präsentieren – wie es sich für ein Start-up gehörte, wurde der »erst am Montag fertig und stand am Dienstag auf der Messe.«

»ANFANG VOM UNTERGANG«

Das wichtigste Ziel für den ersten Messeauftritt war, die Pilotphase in die Wege zu leiten: »Und dafür brauchten wir Firmen, die mit uns zusammenarbeiteten«, erinnert sich Ewald. Als junges Unternehmen nahm Dyemansion auch an der »formnext Start-up Challenge« teil, die jedes Jahr junge und innovative Unternehmen aus der AM-Welt auszeichnet und deren Messeauftritt auf der formnext fördert.

Wenige Messetage später hatte Dyemansion nicht nur die Start-up Challenge gewonnen, sondern auch per Handschlag die Kooperation mit vier Unternehmen besiegelt. »Und das war der Anfang vom Untergang«, scherzt Ewald – »der Untergang in der Arbeitsflut.« Denn seitdem wächst das Unternehmen rasant: Inzwischen werden über 400 Kunden beliefert, darunter Global Player wie BMW, Daimler, der Modehersteller Under Armour und weltweit führende Dienstleister wie Materialise oder Shapeways.

Auch für den weiteren Unternehmensweg spielte die formnext eine wichtige Rolle. Die neuen Entwicklungen werden stets im November in Frankfurt präsentiert. Neben der vollautomatischen Färbeanlage stellte Dyemansion zuletzt auch eine Anlage zur Pulverentfernung sowie eine zur Oberflächenbearbeitung vor. Damit deckt das junge Unternehmen unter dem Slogan »Print-to-Product« das Postprocessing mit den Arbeitsstufen »Cleaning«, »Surfacing« und »Coloring« ab.

GLÜCK UND WENIG FEHLER

Für die erfolgreiche Entwicklung kann Ewald im Rückblick zwei wesentliche Gründe ausmachen: »Erstens haben wir viel Glück gehabt, waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort und haben die richtigen Leute getroffen. Und zweitens haben wir wenige Fehler gemacht und selten Geld verbrannt.«

Schon 2017 arbeitete Dyemansion laut Firmengründer Ewald bereits profitabel. Doch für eine Konsolidierung und ein bodenständiges Wachstum sieht der 29-Jährige derzeit keinen Spielraum: »Aktuell gibt es weltweit einen großen Bedarf im Bereich Färbelösungen und dem müssen wir uns stellen, bevor andere Firmen aufschließen. Die Leute wollen ein ganzheitliches Setup für hochwertige Teile.«

WELTWEITE OFFENSIVE

Deshalb ist die weitere Internationalisierung ein wesentliches Ziel der aktuellen und künftigen Unternehmensentwicklung. Wichtige Etappen bei der weiteren Internationalisierung sind der Aufbau eines Standorts in den USA inklusive der entsprechenden Vertriebs- und Servicestrukturen. Hier arbeitet Dyemansion eng mit Partnern wie HP und EOS zusammen. EOS hat die Dyemansion-Produkte seit November 2017 sogar mit im Portfolio.

Das kleine Start-up aus dem Jahre 2013 hat sich inzwischen auch als Unternehmen stark gewandelt. Bis Ende 2018 soll die Mitarbeiterzahl von derzeit 28 auf 50 wachsen. »Anfangs haben wir nur Freunde eingestellt, jetzt muss man richtige Managementprozesse einhalten, auch wenn man das eigentlich nicht mag«, erzählt Ewald.

»NICHT SPIESSIG WERDEN«

»Trotzdem wollen wir nicht spießig werden «. Dafür sorgen zum Beispiel eine eigene Köchin oder die Gepflogenheit, dass sich alle im Unternehmen mit dem Vornamen ansprechen und E-Mail-Adressen ohne Nachnamen auskommen. Das betrifft auch gestandene Branchenexperten wie Kai Witter, vormals Director Central Sales bei EOS, der nun den Vertrieb von Dyemansion global aufstellt.

Die scheinbare Leichtigkeit der Unternehmenskultur hat den Vertriebsprofi begeistert: »Was mich bei Dyemansion reizt, ist die absolut angstfreie Kultur«, schwärmt Witter. »Die Angst, Fehler zu machen, beeinflusst meiner Erfahrung nach das Handeln oder auch Unterlassen in vielen Organisationen.« Bei Dyemansion geht es dagegen immer zuerst darum, das Notwendige zu erledigen und den Blick frei und unverbaut zu lassen. »Nur so können wir weiter schnell und innovativ sein und uns davor schützen, in der großen Masse der Durchschnittlichkeit zu versinken.«

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