Zwischen Apple und Sinterofen

Text: Thomas Masuch; Fotos: Desktop Metal, Thomas Masuch — 30.05.2019

Konsequent als »Tech-Company« aufgebaut, verbindet Desktop Metal aus Boston die additive Welt mit dem modernen Unternehmergeist des Silicon Valley

30 km nördlich von Boston haben 438 Millionen Dollar das wirtschaftliche Zeitgefühl scheinbar außer Kraft gesetzt. Gerade einmal drei Jahre alt, beschäftigt Desktop Metal in einem riesigen Flachbau rund 270 hoch qualifizierte Ingenieure. »Und mit denen kann man schon einiges entwickeln«, erklärt Mitgründer und Geschäftsführer Ric Fulop. Und wenn man Fulop über die Entwicklung des Unternehmens sprechen hört, dann scheint hier ein technischer Riese seine Kindheit abzustreifen und sich in großen Schritten daran zu machen, den Markt für industrielle Metallfertigung aufzumischen.

Die Firmenzentrale liegt in einem jungen Industriegebiet von Burlington. Das rund 7.500 m² große Gebäude ist vollgestopft mit zahlreichen Abteilungen für die Entwicklung der Drucker, Öfen und Debindering-Einheiten: Hier liegen dicht an dicht, Laboratorien, Abteilungen für Materialtests und geschützter Bereich, hinter dessen Türen die Konzepte für die nächsten Produktlinien entstehen und der nur für ausgewählte Mitarbeiter zugänglich ist.

»Es geht um Produktentwicklung, Engineering sowie Forschung und Entwicklung. Wir lagern so viel aus, wie wir können.«

In einem kaum zu überblickenden Großraumbüro arbeiten auf engstem Raum die Ingenieure. Viele haben elektrische Bauteile, Platinen oder andere Komponenten auf dem Schreibtisch liegen. An einer Wand sammeln sich etwas lieblos zusammengestellt zahlreiche Pokale für Innovationspreise und Zeitschriften mit Fachartikeln – irgendwie scheint sich hier niemand wirklich darum zu kümmern, wahrscheinlich weil der PC oder das Labor spannendere Aufgaben zu bieten hat. Irgendwo steht ein Kickertisch und erinnert daran, dass Desktop Metal vor etwas mehr als drei Jahren noch die Größe eines Start-ups hatte und damals gerade einmal 11 Mitarbeiter zählte.

Rund 40 Monate und mehrere Investmentrunden über insgesamt 438 Mio. Dollar nach der Gründung kann Desktop Metal beachtliche Vertriebserfolge vorweisen: Hunderte Reservierungen für seine beiden Systeme sowohl in den USA als auch weltweit liegen vor. Das Studio System wird seit Ende 2018 in großer Stückzahl an US-Kunden ausgeliefert. Das erste ging bereits Ende 2017 an Googles ATAP (Advanced Technology and Projects). »Das größere Production System für Serienfertigung wird 2020 zahlreichere Auslieferungen erleben «, erklärt Lynda McKinney, Head of Global Communications.

Desktop Metal verrät keine genauen Verkaufszahlen. Stattdessen verkündet CEO Fulop stolz, dass das Bostoner Unternehmen inzwischen bei den Lieferzahlen zu den weltweit führenden Herstellern von Metall-3D-Druckern aufgeschlossen hat und dabei ist, die Nummer eins zu werden.

»ES GEHT UM PRODUKTENTWICKLUNG«

Dass sich Desktop Metal in gerade einmal drei Jahren zu einem Global Player der AM-Welt entwickeln konnte, basiert auch auf den Investitionen, wie sie derzeit nur in den USA zu sehen sind. Damit hat Fulop von Anfang an stringent ein Unternehmen geformt, das sich eng an den Technologie-Unternehmen aus dem Silicon Valley orientiert. »Und die 438 Mio. Dollar haben uns eine Produktentwicklung machen lassen, wie es nur sehr wenige Player tun können«, erklärt Fulop.

Von den 300 Mitarbeitern sind rund 270 Ingenieure. Alle internen Abteilungen abseits der Produktentwicklung wie Marketing, Fertigung, Personal, Buchhaltung sind entweder ganz ausgelagert oder auf ein kleinstmögliches Konzentrat eingedampft. »Es geht um Produktentwicklung, Engineering sowie Forschung und Entwicklung. Wir lagern so viel aus, wie wir können.«

Der Vertrieb erfolgt zu 100 Prozent über 90 Vertriebspartner in 48 Ländern, die von Channel-Managern koordiniert werden. Für Fulop ein großer Vorteil im Vergleich zur klassischen Vertriebsabteilung, denn so sorge ein recht kleines Team dafür, dass »wir 1.400 Vertriebler auf der Straße haben, die unsere Produkte verkaufen.« In Deutschland ist Desktop Metal zum Beispiel durch die spezialisierten AMHäuser Alphacam, Encee und Solidpro vertreten. Dass der Channel-Vertrieb langfristig die bessere Lösung sei, begründet Fulop mit dem Verweis auf die CNC-Branche, wo sich diese Vertriebs- und Serviceform mehr und mehr durchsetze. Auch bei Kunststoff-3D-Druckern seien die Hersteller nach und nach dazu übergegangen, um höhere Stückzahlen zu erreichen. Im Metallbereich ist Desktop Metal laut Fulop der erste Hersteller, der einen Channel-Vertrieb aufgebaut hat, während »alle AM-Laser- Hersteller selbst produzieren und verkaufen.«

SCHLÜSSELKOMPETENZ

Wie Fulop erklärt, hebt sich Desktop Metal durch seine strategische Organisation deutlich von klassischen Industrieunternehmen ab. »Bei einem US-Tech-Unternehmen, wie wir es sind, besteht der wesentliche Unterschied darin, dass man sich auf seine Schlüsselkompetenz konzentriert und alles, was nicht dazugehört, auslagert. Und unsere Schlüsselkompetenz liegt in der Produktentwicklung und darin, den Nutzen von Dingen zu vereinfachen.« Darin sieht Fulop auch den Unterschied zum europäischen Industriemodell, wo Unternehmen eher darauf ausgerichtet seien, alles zu tun.

Wenn Ric Fulop über die Strategie von Desktop Metal spricht, dann fallen oft Vergleiche mit Apple oder Google. Einen Vergleich mit den anderen Mitbewerbern in der Additiven Fertigung stellt der Bostoner Unternehmer nur an, wenn er von Unterschieden spricht – ganz so, als würden die derzeit etablierten AMUnternehmen schon zum alten Eisen gehören. Er ist davon überzeugt, dass sich »sein« Businessmodell langfristig durchsetzt. »Es ist dem traditionellen Ansatz überlegen.«

Bei der Produktion seiner Anlagen kooperiert Desktop Metal unter anderem mit Jabil, einem Fertigungsdienstleister mit einem Jahresumsatz von 20 Mrd. Dollar. Hier wird nach den Vorgaben von Desktop Metal produziert und direkt an die Partner aus dem Vertriebs-Channel geliefert. Mitarbeiter von Desktop Metal sind direkt in die Produktionskette ein gebettet und können die Produktionsqualität überwachen. »Wir fertigen nach dem gleichen Muster wie Apple, HP oder entsprechende Unternehmen«, erklärt Fulop, der als gestandener Investmentexperte und Gründer zahlreicher Start-ups sein Unternehmen gut zu verkaufen weiß. Die »branchenbesten Produktionspartner« würden Desktop Metal auf ein »Level of Excellence« heben. Natürlich sei das für ein modernes Tech-Unternehmen auch der richtige Weg: »Mit dem traditionellen Verständnis, wo man alles selbst macht, ist man am Ende nirgends richtig gut. Dafür ist man sehr langsam.«

»ES IST EINE ANDERE TECHNOLOGIE«

»Additive Fertigung im Metallbereich ist derzeit zu langsam, zu wenig verfügbar, und zu komplex für die Serienfertigung.« Wenn Fulop von der aktuellen additiven Metallfertigung spricht, meint er Pulverbett-Verfahren. Und im Vergleich dazu ist ein Binder-Jetting-Verfahren wie das von Desktop Metal um ein Vielfaches schneller. Zusammen mit den laut Fulop 80 Prozent geringeren Materialkosten werden additiv produzierte Bauteile deutlich günstiger: Der Chef von Desktop Metal verspricht Herstellungskosten von unter 50 Dollar pro Kilogramm während im Pulverbett gefertigte Bauteile mit dem 10- bis 20-fachen zu Buche schlage.

»Es ist eine andere Technologie«, und damit entstünden auch andere und neue Anwendungsbereiche. Zum Beispiel in der Automobilindustrie, wo »sieben von zehn großen Herstellern unsere Technologie schon nutzen.« Für die preisbewusste Branche ist die kostengünstige AM-Produktion offenbar ein Zukunftsfeld: BWM und Ford sind auch als Investoren an Desktop Metal beteiligt.

Ein Vorteil des Binder-Jetting sei laut Fulop auch die Erfahrung mit der MIM-Technologie. Der Prozess sei bereits für Automobil- und Elektronikanwendungen genutzt, und ASTM-Standards für Binder-Jetting existieren bereits. »Wir stehen auf den Schultern von Giganten«, erklärt Fulop. »Große Kunden kennen die Mikrostrukturen, die aus unseren Maschinen kommen.«

Für Fulop steht deshalb außer Zweifel, dass Desktop Metals Technologie künftig auf breiter Linie eingesetzt werden wird: »Ich glaube, bereits 2019 werden mehr Systeme mit dieser Technologie verkauft als Pulverbett-Anlagen.«

GRÜNDER IM GROSSRAUMBÜRO

Im Großraumbüro von Desktop Metal in Burlington arbeiten in einer der Reihen aus PC-Plätzen auch die Gründer wie Ric Fulop oder Jonah Myerberg. Das Gründungsteam aus MIT-Professoren und Material-und Engineering- Experten kannte Fulop zum Teil schon aus anderen Projekten oder noch aus seiner Bostoner Studienzeit. Fulop hatte zum Beispiel mit Myerberg schon beim Batterie-Hersteller A123 zusammengearbeitet.

Als Investor und »Tech-Entrepreneur« war Fulop viele Jahre am Aufbau junger Technologiefirmen beteiligt. »Wir haben über 130 Mio. Dollar in verschiedene Unternehmen investiert«. Unter anderem war Fulop auch einer der ersten Investoren in das AM-Unternehmen Protolabs. »Heute ist das Unternehmen 3 Mrd. Dollar wert. Das war ein gutes Investment«, gesteht er mit einem Lächeln.

2011 kam Fulop, laut Wirtschaftsmagazin Forbes ein »charismatischer Serien-Unternehmer «, das erste Mal mit additiver Metallfertigung in Kontakt und beschloss, »den komplexen Prozess und die Technologie kosten günstiger zu machen«. Zwischen 2012 und 2015 setzte er sich mit verschiedenen Personen zusammen, die er im Laufe der Zeit kennengelernt hatte. Das Ergebnis: »Wir entwickelten eine schnelle Form des Binder- Jettings, die wir Single-Pass-Jetting nennen.«

Die alten Kontakte hätten auch bei der erfolgreichen Suche nach Investoren »sicherlich nicht geschadet, aber am Ende spricht das Produkt für sich.« Zu den Investoren zählen neben den strategischen Investoren wie BMW, Google und Ford auch die großen Investmenthäuser NEA und Kleiner Perkins. »Mit allen teilen wir die gleiche Vision, wohin wir das Unternehmen bringen wollen«, betont Fulop.

Für Co-Gründer Fulop ist Desktop Metal anders als seine früheren Investmentprojekte. Er habe diesmal keine Exit-Strategie. »Der Plan ist, hier die nächsten 20 Jahre dabei zu bleiben. Das ist langfristig, und niemand von uns hat andere Pläne.« Fulop unterstreicht das damit, dass er sich zeitgleich mit seinem Engagement bei Desktop Metal aus allen anderen Positionen, die er vorher bekleidete, zurückgezogen hat. Er fühle sich in der Additiven Fertigung wohl, wie seine früheren Investments sei er auch hier im Bereich fortschrittlicher Produktionstechnologien unterwegs. »Das Gebiet gefällt mir einfach.« 

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