»Kollisionsgebiet« an der Pazifikküste

Text: Thomas Masuch; Fotos: Xponentialworks — 30.05.2019

An der kalifornischen Pazifikküste bringt Xponentialworks vielversprechende Start-ups aus aller Welt unter einem Dach zusammen. Eine Mischung aus Venture Capital, Beratung, Fachspezialisten und einem modernen Innovationslabor sollen dafür sorgen, dass neue Produkte schnell auf den Markt kommen.

Als Jakub Graczyk und Tomasz Cieszynski Ende 2017 ihre Heimat im polnischen Krakau verließen und nach Kalifornien zogen, vertrauten sie voll und ganz auf Avi Reichental. Die beiden jungen Unternehmer ließen nicht nur ihre Familien weit hinter sich, sondern verwarfen auch die weiteren Pläne für ihr Start-up Sand Made.

Den Ausschlag für den Umzug nach Ventura, rund 50 Kilometer nordwestlich von Los Angeles zwischen Santa Monica und Malibu, gaben nicht die Surfstrände am Pazifik. Es war die Aussicht auf eine erfolgreiche Zukunft in der Additiven Fertigung, und die Möglichkeit, mit dem Start-up NXT Factory, die Branche zu verändern. »Auf der Formnext 2017 haben wir mit Fachleuten über unsere Pläne ge sprochen «, erinnert sich Jakub Graczyk. »Und das gewaltige Feedback hat uns überzeugt, keine Zeit zu verschwenden. Eine Woche später sind wir nach Kalifornien gezogen.«

»Der Umzug nach Kalifornien hat sich gelohnt.«

AM-Schwergewichts 3D Systems, hat in Ventura eine Umgebung geschaffen, in der sich junge Technologie-Unternehmen schnell und erfolgreich entwickeln können. Basis ist das 2015 gegründete Unternehmen Xponentialworks – eine Mischung aus Venture Capital, Beratungsagentur, Technologielabor und einem leistungsfähigen Umfeld.

Die jungen Unternehmen, die unter dem Dach von Exponentialworks zusammenkommen, stammen aus den Bereichen AM, generative Produktentwicklung, künstliche Intelligenz, Medizintechnik und Robotik. Avi Reichental ist jeweils als Mitbegründer, Investor oder Teilhaber mit an Bord und hat dadurch eine sehr enge Verbindung zu den Start-ups.

Für Graczyk und Cieszynski hat sich der Umzug nach Kalifornien »gelohnt, da wir sehen, wie unser Projekt und das Unternehmen wachsen «. Im November 2017 gründeten sie NXT Factory und begannen mit der Arbeit an ihrer neuen »Quantum Laser Sintering«-Technologie (QLS). Diese Technologie soll die SLS-Produktion von Kunststoffteilen beschleunigen, indem Pulverschichten (Layer) in einem Schritt belichtet werden. »Unser eigenes Projektionssystem streut den Strahl eines 3-KW-Lasers in Millionen von Mikrolaserstrahlen, die dann das gesamte Pulverbett auf einmal sintern«, erklärt Tomasz Cieszynski, heute CTO von NXT Factory. »Diese Technologie ist derzeit noch in der Entwicklung, wird aber bald mit schnellen, hochmodernen Technologien konkurrieren.«

In den aktuellen Anlagen QLS 250 und QLS 350 sind die Millionen Mikrolaser noch nicht im Einsatz, sondern erst einmal ein aus vier Lasern bestehendes »Quad Laser Sintering System« (ebenfalls QLS abgekürzt). Auf der Formnext 2019 will NXT Factory ein voll automatisiertes System präsentieren – inklusive selbststeuerndem »Powder-Car«. Verarbeitet werden z. B. Polyamid PA6, PA11, PA12, mit Aluminium versetztes TPU und Hochtemperatur-Materialien.

Die Aussicht darauf, dass die neue Sinter- Technologie den AM-Markt revolutioniert, wie Tomasz Cieszy?ski verkündet, hat auch zahlreiche Investmentfirmen aufmerksam gemacht. »Fast jeden zweiten Tag kommen Leute, die sehen wollen, was wir tun«, so CEO Graczyk. Für die NXT Factory sei der Zugang zu Risikokapital wichtig, »denn jedes Start-up kämpft um die Aufmerksamkeit von Risikokapital-Firmen.«

In Ventura beschäftigt NXT Factory ein wachsendes Team von fünf Mitarbeitern – bis Jahresende sollen es zehn sein. Außerdem haben Graczyk und Cieszynski ein Forschungsund Entwicklungsteam in Krakau behalten, wo fünf Mitarbeiter Software, CAD-Design und das Engineering entwickeln. Die Präsenz in Kalifornien bringt für die beiden zahlreiche Vorteile mit sich. »Der direkte Zugang zur Xponential-Community ist großartig: Du kannst an deinem Schreibtisch arbeiten, und nur wenige Schritte entfernt gibt es die Experten, mit denen du deine Ideen diskutieren kannst.«

nicht noch einmal die gleichen Fehler machen

Bei Xponentialworks steht den jungen Partnern ein Team aus 12 Experten aus den Bereichen AM, Materialwissenschaften, KI und Robotik zur Verfügung. »Wir sind jeden Tag bei den Unternehmen und lotsen sie«, erklärt Avi Reichental. »Wir sagen den CEOs, dass sie nicht noch einmal die Fehler machen müssen, die wir bereits gemacht haben. Sie sollen uns stattdessen zeigen, wie man neue Fehler macht.« Außerdem stehen den Start-ups Ressourcen im Bereich »Rapid Prototyping« und Design sowie Branding, Marketing und PR zur Verfügung. Sie haben zudem Zugang zu Innovationslaboren und technischen Services, »die sich normalerweise nur größere Unternehmen leisten können.«

Gleichzeitig sorgt Reichental mit Xponentialworks dafür, dass Start-ups einfacher mit großen Unternehmen in Kontakt kommen. »Wir stellen unser weltweites Netzwerk zu wichtigen Industrieunternehmen zur Verfügung, so dass unsere Start-ups ein schnelleres Feedback und eine bessere Validierung ihrer Technologien erhalten.« Reichental nennt es »das Kollisionsgebiet «. Hier sollen Allianzen entstehen, die den Markteintritt beschleunigen.

MENTORING WAR DER GRÖSSTE GEWINN

Ein richtiger Lotse hatte den jungen Unternehmern aus Krakau bei ihrem ersten Start-up »Sand Made« gefehlt. »2014 haben wir mit SLS-Druckern für Gießereien begonnen und in Krakau ein Team zusammengestellt. 2016 waren wir auf Messen und verkauften einige Drucker «, erzählt Jakub Graczyk. »Wir wollten etwas tun, aber wir hatten keine richtige Anleitung in Bezug auf Unternehmensentwicklung und Marktchancen. Wir haben für unsere Fehler bezahlt. Und dann haben wir Avi kennengelernt.«

Reichental war klar, dass die Welt nicht noch einen weiteren günstigen SLS-Drucker brauchte. Für eine Woche flog Reichental nach Krakau, um mit den Jungunternehmern neue Pläne zu schmieden. »Das Mentoring war unser größter Gewinn«, resümiert Graczyk. »Mit Hilfe von Avis Erfahrung und Wissen sind wir zu dem Schluss gekommen, dass wir einen größeren Markt ins Auge fassen müssen: Serienfertigung, bei der Spritzguss nicht die optimale Lösung ist.«

Auch in Zukunft hält Avi Reichental mit seinem Team Ausschau nach Unternehmen, die das Potenzial haben, die Branche zu verändern. Dabei ist es ihm wichtig, dass die Unternehmen aus einem Bereich kommen, »den wir gut verstehen«. Den Ausschlag geben allerdings die beteiligten Personen. »Sind sie einfallsreich, zäh, hatten sie schon erfolgreichen Exits« Eine weitere Basis für ein Invest ist »unsere Bewertung der AM-Branche und ob wir glauben, dass das Unternehmen hier eine führende Rolle spielen kann.«

die maximalen Möglichkeiten

Mit seinem Konzept aus Investment, Consulting und technischer Unterstützung an einem Ort sieht Reichental auch einen Vorteil gegenüber herkömmlichen Investmentmodellen. »Indem wir die Unternehmen sowie unsere Experten an einem Ort konzentrieren, verringern wir das Risiko der Investition deutlich und machen den Prozess kostengünstiger.«

Die erste Finanzierungsrunde für Start-ups stemmt Xponentialworks in der Regel selbst, wie Reichental berichtet. »Bei weiteren Runden laden wir in der Regel Partner als Co-Investoren ein.« Ob er bei den jungen Unternehmen langfristig investiert bleiben möchte oder auch eigene Exit-Strategien im Kopf hat, kann Reichental nicht genau vorhersagen. »Man muss verantwortungsbewusst sein und Möglichkeiten für jedes Unternehmen schaffen, denn wir bewegen uns in einem sehr dynamischen und schnelllebigen Umfeld. Und ich denke, die Aufgabe von Leuten wie mir ist es, die maximalen Möglichkeiten für jedes Unternehmen zu schaffen.«

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