MEHR ALS NUR GELD

Text: Thomas Masuch — 08.02.2020

Während in den USA AM-Start-ups wie Carbon, Formlabs, Desktop Metal oder Markforged dank Hunderter Millionen Venture Capital beeindruckende Wachstumsstorys vorweisen können, fallen die Investitionen in deutsche und europäische AM-Start-ups vergleichsweise bescheiden aus. Doch auch mit einer dünneren Finanzunterlage können junge Unternehmen durchaus international durchstarten. Über die Strategien und entscheidenden Erfolgskriterien haben wir uns mit Investoren aus den USA und Europa unterhalten. Dabei ging es um viel mehr als nur um Geld.

Bei über 1.400 Start-ups rund um den Globus waren Arno Held und sein Team von AM Ventures in den vergangenen fünf Jahren zu Besuch. Die auf Additive Fertigung spezialisierten Investment-Experten mit Sitz am malerischen Starnberger See bei München haben sich die Business- und Finanzpläne angeschaut, mit den Gründern und dem Team gesprochen. Schließlich ist die persönliche Beziehung zwischen Menschen für Held einer der entscheidenden Faktoren, ob er in ein junges Unternehmen investiert oder nicht. »Man muss sich vertrauen können.«

Dass AM Ventures nach diesen fünf Jahren in nur 18 junge Unternehmen investiert hat, was einer Quote von 1,2 Prozent entspricht, liegt allerdings nicht nur am mangelnden Vertrauen in viele Gründer. »70 Prozent kann man recht schnell aussieben. Entscheidend für uns ist die Perspektive, gemeinsam mit dem jungen Unternehmen und dem Team einen nachhaltigen Erfolg aufzubauen. Deshalb spielt bei einem Investment für uns das Team eine große Rolle. Wir investieren weniger in Technik, sondern eher in Köpfe«, erklärt Chief Venture Officer Arno Held.

»Am Anfang investieren wir zwischen 5 und 20 Millionen Dollar. Später können wir das dann auf 50 bis 100 Millionen Dollar erhöhen.«

Vor einem Investment und dem Kauf der Anteile steht die Bewertung des Unternehmens. AM Ventures nimmt in der Regel an der ersten oder zweiten Finanzierungsrunde teil und investiert zwischen 500.000 bis zu 5 Mio. Euro. »Dabei geht es primär um Minderheitsbeteiligungen «, so Held, »denn wir wollen, dass die Unternehmer auch Unternehmer bleiben.«

ZWISCHEN 10 UND 25 PROZENT

So ist AM Venture mit Anteilen zwischen 10 und 25 Prozent an Unternehmen wie 3Yourmind und Dyemansion aus Deutschland, Lithoz, Cubicure und Incus aus Österreich sowie Sintratec und Spectroplast aus der Schweiz und anderen aus den USA, Großbritannien, Australien und Schweden beteiligt. »Für einen Anteil von unter 10 Prozent ist unser Aufwand nicht gerechtfertigt«, erklärt Held, der vor seinem Engagement bei Am Ventures acht Jahre lang für EOS arbeitete – unter anderem auch als Assistent für EOS-Gründer Dr. Hans Langer, der 2015 auch AM Ventures ins Leben rief (siehe Info-Box). Manchmal stellt AM Ventures auch andere Finanzierungsformen zur Verfügung – nämlich wenn der Finanzbedarf höher ist als die verfügbaren Anteile.

Deutlich höhere Beträge investiert Dayna Grayson, Partnerin des US-amerikanischen Venture-Capital-Unternehmens NEA, mit einem investierten Kapital von rund 3 Mrd. Dollar eines der größten Venture-Capital-Unternehmen weltweit. »Am Anfang investieren wir zwischen 5 und 20 Millionen Dollar. Später können wir das dann auf 50 bis 100 Millionen Dollar erhöhen. « So ist NEA bei Desktop Metal bereits im Gründungsjahr 2015 eingestiegen, unter anderem auch weil Grayson und ihre Kollegen vom Potenzial des »günstigen und schnellen 3D-Drucks für den Massenmarkt« überzeugt waren und sind.

Für Dayna Grayson, die mit NEA auch in das Bostoner AM-Schwergewicht Formlabs investierte, ist bei der Auswahl von Investments in Additiver Fertigung entscheidend, dass die Produkte »marktreif sind und sich nicht nur für Prototypen, sondern für End-Use- Parts eignen.« Wichtig ist der Investorin auch, dass sich die Technologie von den bestehenden Lösungen abhebt und sich idealerweise auch schützen lässt. »Und drittens schauen wir uns auch das Team an: ob sie Erfahrung und die Fähigkeit haben, großartige Unternehmer zu werden.«

Arno Held, Chief Venture Officer AM Ventures.

Dayna Grayson, Partnerin des US-amerikanischen Venture-Capital-Unternehmens NEA.

Avi Reichental, Gründer und CEO XponentialWorks.

Die künftige Entwicklung »seiner« Unternehmen gestaltet NEA sowohl als Eigentürmer als auch als Mitglied des Boards mit. AM Ventures verbindet seine Investment-Tätigkeit dazu noch mit einer »langfristigen Begleitung« der Unternehmen. Für Held hat sich dabei gezeigt, dass der »Erfolg der Start-ups direkt mit der Intensität unserer Beratung zusammenhängt«. Dies zeigt zum Beispiel das Unternehmen Dyemansion, deren Gründer anfangs Handys färbten und später erfolgreiche Färbelösungen für additiv gefertigte Bauteile entwickelten. Arno Held betont dabei aber auch, dass er den Gründern trotzdem die nötige unternehmerische Entscheidungsfreiheit lässt. »Wir schaffen Kontakte, aber drängen nicht unsere Beteiligungen, mit bestimmten anderen Beteiligungen zusammenzuarbeiten.« Das zeigt sich bei Dyemansion: Hier läuft der Vertrieb auch über HP, einen direkten EOS-Konkurrenten.

»TEILWEISE INFLATIONÄRE BEWERTUNGEN«

In den USA mit seinen enormen Investment- Ressourcen gibt es aber auch Modelle, die Start-ups möglichst effizient und mit geringeren Investitionssummen aufbauen möchten. »Denn nicht alles lässt sich mit Geld lösen«, erklärt Avi Reichental, der mit seinem Unternehmen XponentialWorks in Kalifornien jungen Unternehmen ein Gesamtpaket aus Investment, Consulting und technischer Unterstützung bietet und darin einen deutlichen Vorteil gegenüber herkömmlichen Investment-Modellen sieht. »Am Anfang können Unternehmen viel effizienter sein. Wenn sie in einem frühen Stadium so viel Geld bekommen, besteht das Risiko, dass sie es auch dort einsetzen, wo es nicht unbedingt den gewünschten Mehrwert erzielt.« Zwar ist auch Reichental, der von 2003 bis 2015 als Geschäftsführer 3D Systems leitete, davon überzeugt, dass Geld beim Unternehmenswachstum hilft, »aber es schafft teilweise auch inflationäre Bewertungen«. Diese würden teilweise sowohl das weitere Wachstum als auch die Exitmöglichkeiten der Investoren deutlich erschweren.

Zum Geschäftskonzept von Investoren gehören in der Regel ein erfolgreicher Exit und ein gewinnbringender Verkauf der Beteiligungen. Bei ihren Investments in Additive Fertigung verfolgt auch eine große Investment-Gesellschaft wie NEA eine langfristige Strategie: »Als frühzeitiger Investor haben wir in der Regel keinen kurzen Zeithorizont, so wie Investoren, die zu einem späteren Zeitpunkt oder erst nach dem Börsengang einstiegen«, so Dayna Grayson. »Wir sind ziemlich geduldig und möchten das Unternehmen so weit bringen, wie es für einen Exit nötig ist. Bei Desktop Metal glauben wir daran, dass daraus ein Milliarden-Dollar-Unternehmen werden kann.«

»Die reine Geldvermehrung ist die falsche Motivation.«

Läuft ein Investment erfolgreich, kann sich für kleinere Investment-Unternehmen daraus schnell ein »Luxusproblem« ergeben, so Arno Held. Wenn Start-ups erfolgreich sind, wollen sie sich in der Regel international aufstellen – damit steigt auch der Kapitalbedarf. »Dann werden schnell auch mal fünf Millionen Euro oder mehr benötigt. Das wird dann für eine vergleichsweise kleine Venture-Capital-Firma wie uns schwierig.« Deshalb kooperiert AM Ventures mit Partnern aus der Industrie, um auch höhere Investments stemmen zu können. Die weiteren Partner sind dabei für Arno Held nicht nur Geldgeber, »die müssen auch einen zusätzlichen Wert in die Partnerschaft einbringen können, zum Beispiel Door Opener in bestimmten Branchen sein«.

»SPRAY AND PRAY«

Für Arno Held steht der finanzielle Ansatz bei der Entwicklung »seiner Start-ups« allerdings nicht an erster Stelle. »Wir sind keine Banker, sondern Vollblut-Ingenieure und lieben interessante Ideen. Die reine Geldvermehrung ist die falsche Motivation.« Dieses Credo wurde AM Ventures von Inhaber und EOS-Gründer Langer vorgegeben und gilt bis heute. 

Dass zahlreiche AM-Unternehmen in den USA in mehreren Finanzierungsrunden mehrere Hundert Millionen Dollar eingenommen haben, sieht Arno Held mit gemischten Gefühlen. Zwar besitze AM Ventures auch eine Beteiligung an Elementum 3D mit Sitz in Colorado, doch »bei Investments in den USA bin ich immer vorsichtig «. Denn die Bewertungen seien hier zum Teil sehr hoch. »Was das Geld betrifft, sitzt in den USA der Colt lockerer in den Hüften. In der Investment-Szene gilt hier eher das Motto: ›Spray and Pray‹.« Es werde deutlich mehr Geld als in Europa in viele Unternehmen gesteckt. Der große Erfolg bei einigen Unternehmen kompensiere die Ausfälle bei zahlreichen anderen Investments wieder.

FRUCHTBARER INVESTMENT-BODEN

Avi Reichental versucht dagegen, die Vorteile des fruchtbaren Investment-Bodens in den USA mit einer effizienten Strategie zu kombinieren, indem er Start-ups aus Polen, Italien, Indien und anderen Ländern nach Kalifornien holt. »Um ein Unternehmen attraktiv für US-Investoren zu machen, sollte es auch in den USA seinen Sitz haben. Für Investoren hier ist es schwierig, in Unternehmen zu investieren, die nicht unter US-Recht firmieren.«

Diese Maxime hat Kuba Graczyk, CEO von NXT Factory, überzeugt. Der gebürtige Pole folgte Reichental nach Kalifornien, da es nach seiner Erfahrung in Europa zu wenig Erfahrung im Investment in Start-ups und deren Aufbau gebe. »Viele Investoren dort scheuen das Risiko, frühzeitig in junge Start-ups zu investieren. Dagegen haben US-Amerikaner keine Angst, ihr Geld zu verlieren, denn sie wissen, dass ein Projekt von 10 oder 20 erfolgreich sein wird.« Diese Investment-Kultur stamme schließlich aus dem Silicon Valley und habe eine Tradition von 30 oder 40 Jahren.

Die zurückhaltende Investment-Kultur in Europa kann auch Arno Held bestätigen: Man prüfe, nehme sich Zeit und habe dafür aber eine höhere Erfolgsquote. »In den USA werden zwar mehr Deals gemacht, aber dort gibt es auch eine geringere Erfolgsquote.« Für Arno Held ist das nicht unbedingt schlechter, sondern einfach eine andere Strategie. »Am Ende kommt vielleicht sogar ungefähr das Gleiche dabei heraus.«

AM Ventures

Die AM Ventures Holding GmbH (AMV) ist ein unabhängiger strategischer Investor mit Fokus auf dem industriellen 3D-Druck, mit Sitz in Starnberg bei München. Das Unternehmen wurde 2015 von Dr. Hans J. Langer, CEO der EOS Group, gegründet. Seit 2019 ist die AMV mit einem Office in Busan, Südkorea auch in Asien vertreten.