»Ein Stück Künstler steckt überall mit drin«

Text und Fotos: Thomas Masuch — 12.06.2020

Wie additive Fertigung einen technologischen Freigeist näher an seine Bestimmung bringt.

Hätte der Zauberer Merlin nicht im frühen Mittelalter gelebt, sondern ginge er im 21. Jahrhundert seinen magischen Künsten nach, dann würde er vielleicht statt mit druidischen Zaubersäften mit 3D-Druckern hantieren, und seine moderne Zauberwerkstatt sähe möglicherweise so aus wie Stephan Henrichs Atelier. Im Erdgeschoss eines Stuttgarter Altbaus, den man vom Hinterhof aus betritt, beherbergt Henrich eine technische Schatzkammer von inspirierenden 3D-gedruckten Ideen und Innovationen – vom bionisch geformten Portemonnaie über einen rund 1,5 Meter hohen Beton-3D-Drucker bis hin zu einem futuristischen Stuhlmodell, das sich problemlos in das Mobiliar von Raumschiff Entreprise einfügen könnte.

Die thematische und technische Bandbreite der einzelnen Stücke ist so virtuos, dass sich für den 41-Jährigen nur schwer eine Berufsbezeichnung ausmachen lässt. »Robotikdesign und Architektur« verrät sein Label, dabei ist er manchmal Architekt, ein andermal Designer, Ingenieur, Konstrukteur, »und ein Stück Künstler steckt überall mit drin«.

»Man müsste ein paar Produkte haben, die so kompromissfähig sind, dass man sie auch vermarkten kann.«

Eher technisch ist dagegen seine Arbeit, wenn er sich in einen schmalen Nebenraum begibt, der durch einen Plastikvorhang von seinen übrigen Räumen abgegrenzt ist. Hier, zwischen einer Desktop-Sandstrahlanlage und einer Ansammlung von Gläsern mit dunklem Pulver, steht ein Kunststoff-SLS- Drucker Sintratec S1, auf dem Henrich kleinere Objekte wie das Portemonnaie oder Bauteile und Komponenten für seine Projekte produziert.

Von außen lässt nur wenig auf den kreativ- technischen Reichtum von Henrichs additiver Arbeitswelt schließen. Im rund 5 Meter breiten Schaufenster zur Straße hin können Fußgänger nur zahlreiche Schwarz-Weiß-Fotografien diverser Objekte sehen, dazu das gelblich-weiße Modell eines 3D-gedruckten Robotergreifers. Dieser entstammt dem Konzept Fungus, bei dem ein Roboter selbstständig eine vertikale Pilzwand begärtnern soll.

Mehr Einblicke von außen hatte Henrich in der ersten Zeit nach dem Einzug im Jahr 2014 gewährt. »Doch manche Projekte unterliegen einer gewissen Vertraulichkeit, sodass ich die Schaufenster verstellen musste.« Den benötigten Sichtschutz entwarf Henrich selbstredend am eigenen Laptop: Milchig-transparente Kunststoffblätter hängen an einem filigranen Gestell aus dünnen Metallstangen und schwarzen, 3D-gedruckten Verbindungsstücken. Auf einer ähnlichen, selbst entworfenen Konstruktion ruht die schwarze Platte seines eleganten Schreibtischs.

Bevor der studierte Architekt in das Atelier im Süden Stuttgarts zog, hatte er in verschiedenen Architekturbüros, unter anderem in Berlin und Paris, gearbeitet und an Universitäten in den USA und in Österreich unterrichtet. Mit dem 3D-Druck war er dabei schon 2004 in Berührung gekommen und hatte die Technologie im Konzept eines 3D-gedruckten Wolkenkratzers vorgesehen.

Aus der Hingabe zum 3D-Druck sind inzwischen zahlreiche Konzepte und Projekte entstanden, die sich jeweils auf einer langen Skala zwischen Kunst und realer Anwendung wiederfinden. Dazu zählen zum Beispiel ein 3D-gedruckter Leichtbau-Greifer, ein 3D-Druckkopf, der selbstständig im freien Raum drucken kann, oder ein Stifthalter für den Roboter eines Pariser Künstlers. Weitere Projekte wie das futuristische Fahrrad »The Infinity«, der Fungus-Roboter, das Portemonnaie oder 3D-gedruckte Oberflächen konnten auch auf der Formnext 2019 auf dem Stand von Sintratec bewundert werden.

»Reduzierte Produktionszeiten, große Konstruktionsfreiheit«

Das Schweizer Start-up entwickelt kompakte SLS-3D-Drucker und freut sich über die Zusammenarbeit mit Henrich, der mit seinen komplexen Designs die Firmenphilosophie »Print your mind« optimal verkörpert: »Stephan Henrich vereint in seinen Arbeiten auf eindrückliche Art und Weise die für uns zentralen Vorteile von selektivem Lasersintern«, betont Sintratec-CEO Dominik Solenicki. »Reduzierte Produktionszeiten, große Konstruktionsfreiheit und herausragende mechanische Eigenschaften der Baustücke sind nur einige Aspekte der Technologie, die kreativen Köpfen wie Stephan Henrich gänzlich neue Designmöglichkeiten eröffnet haben.«  

Trotz der kreativen Vielfalt seiner Produkte scheint mit der Sesshaftigkeit in Stuttgart nun auch stärker ein konkreter Praxisbezug in Henrichs Arbeit einzukehren. »Man müsste ein paar Produkte haben, die so kompromissfähig sind, dass man sie auch vermarkten kann.« Dabei kann Henrich aus einem Ideenschatz schöpfen, der noch viel größer ist als die Produktsammlung in seinen Arbeitsräumen. Auch dazu hat der 3D-Druck beigetragen. Kleine Stückzahlen lassen sich schnell fertigen – entweder selbst oder bei einem Dienstleister. »Für mich ist das ein Traumjob«, bekennt Henrich. 

Additive Fertigung hat den technologischen Freigeist näher an seine Bestimmung gebracht. Vor mehr als zwei Jahren hatte er sich vom Honorar eines Robotikprojekts den Sintratec S1 gekauft. »Irgendwie war es schon immer mein Traum, dass man nicht nur entwirft oder konstruiert, sondern inhouse von der Entwicklung bis zum Verkauf alles selbst machen kann.«

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