Große schrumpfen, Kleine wachsen

Text: Thomas Masuch — 29.10.2020

Nach Jahren ununterbrochenen Aufschwungs hat Corona auch die gesamte AM-Branche hart getroffen. Das zeigt sich auf dem AM-Arbeitsmarkt, der sich zwar inzwischen wieder etwas erholt hat, auf dem die Zeit der Vollbeschäftigung jedoch auf absehbare Zeit vorbei zu sein scheint. Doch wie sich das auf die Beschäftigten in einzelnen Unternehmen, Branchen und Regionen auswirkt, ist dabei ganz unterschiedlich. In manchen Sektoren sind Fachkräfte sogar weiterhin knapp. Ein Überblick.

Für Mitarbeiter bot die AM-Welt in den vergangenen Jahren fast paradiesische Zustände: Qualifizierte Arbeitskräfte waren knapp, und das Stellenangebot wuchs mit der boomenden Branche. Die Unternehmen boten gute Gehälter, und bei Vertragsverhandlungen hatten Bewerber meist sehr gute Karten in der Hand. »Seit ich in der AM-Industrie arbeite, lag die Beschäftigungsrate immer bei nahezu 100 Prozent, die Arbeitslosigkeit tendierte gegen null«, erzählt Nick Pearce, Gründer und Geschäftsführer von Alexander Daniels Global, einem auf die AM-Branche spezialisierten Personalvermittler. 

Doch diese Zeiten sind vorbei. In Europa ging die Nachfrage nach Bewerbern deutlich zurück, in den USA gab es im April 2020 einen regelrechten Einbruch. »Im März und April waren sogar erfahrene AM-Kräfte arbeitslos, vor allem in den USA«, berichtet Pearce. Besonders in den Vertriebs- und Marketingabteilungen wurde das schnell spürbar. Schließlich konnte man wochenlang nicht reisen und Kunden besuchen – manche Jobs lagen damit auf Eis, wie Pearce berichtet. »Deshalb vertraten in den USA, wo man fast nach Belieben ›hire and fire‹ betreiben kann, viele Unternehmen die Linie, diese Mitarbeiter erst einmal von der Gehaltsliste zu streichen. Die eher arbeitgeberfreundlichen Gesetze in den USA sorgten dafür, dass es in der dortigen AM-Branche spürbare Entlassungen gab.« Das sei in den Vereinigten Staaten wahrscheinlich auch mit der Vorstellung verbunden, diese Fachkräfte bei Bedarf einfach wieder einzustellen.

»Unternehmen ignorieren mikroökonomische Faktoren, die zu spezifischen Engpässen führen.«

Während 2019 in Europa 3.500 offene Stellen in der AM-Industrie ausgeschrieben wurden, waren es 2020 (bis Ende September) nur noch 1.317, was einem Rückgang um 62 Prozent entspricht. Dass der Rückgang in den USA (siehe Grafik) ebenfalls »nur« rund 60 Prozent beträgt, liegt an dem recht schnellen Anziehen der Nachfrage über den Sommer. Gleichzeitig stieg die Zahl der Personen in der AM-Branche, die offen für eine neue Stelle sind – in den USA um 81 Prozent und in Europa sogar um 113 Prozent. Trotz der deutlichen Zahlen konnte Nick Pearce einen sanfteren Krisenmodus der Unternehmen in Europa beobachten. »Da die europäischen Arbeitsschutzgesetze eher auf der Seite der Beschäftigten stehen, haben wir hier nicht die gleiche Entwicklung wie in den USA erlebt. In Europa verfolgen Unternehmen eine deutlich längerfristige Markteinschätzung.«

20 PROZENT DER STELLEN GESTRICHEN

Die großen, börsennotierten AM-Unternehmen, die teilweise auch vor Corona schon über eine Neuordnung ihrer Belegschaftsstruktur nachgedacht hatten, reagierten eindeutig: Stratasys gab Anfang Juni bekannt, 10 Prozent der weltweiten Stellen zu streichen. 3D Systems folgte im August mit Plänen, die Zahl seiner Mitarbeiter weltweit um 20 Prozent zu reduzieren. Während die großen Unternehmen auf Schrumpfkurs fahren, konnte Pearce zwei verschieden Strategien im großen Rest der Branche ausmachen: »Einige Unternehmen haben das Thema Personalrekrutierung auf Eis gelegt. Auf der anderen Seite sehen wir bei Start-ups ein ganz anderes Bild. Die bleiben auf Wachstumskurs und stellen weiter Mitarbeiter ein.« Schließlich müssen Start-ups und junge Wachstumsunternehmen (noch) keine gesunden Geschäftszahlen vorweisen, sondern haben vor allem die Entwicklung ihrer Technologie und ihres Unternehmens im Blick.

EINBRUCH DER LIEFERKETTE

Auch beim Blick auf die einzelnen Branchen zeigt sich ein sehr unterschiedliches Bild. So berichtet Pearce von AM-Lohnfertigern aus China und den USA, bei denen die Produktionen während des Lockdowns weiterliefen, nicht zuletzt weil sie fast mannlos und digitalisiert fertigen. Sie sprangen beim Einbruch der Lieferketten in die Bresche, gewannen selbst in der gebeutelten Automotive- und Aerospace- Branche neue Kunden und betraten so neue Geschäftsfelder. Kein Wunder, dass hier auch die Nachfrage nach neuem Personal weiter bestehen blieb. »Solche Unternehmen, insbesondere in der Luft- und Raumfahrtindustrie, suchen nach Fachkräften, die in der Verfahrenstechnik oder Qualitätssicherung zu Hause sind«, berichtet Pearce.

Weniger rosig sieht es laut Pearce hingegen in den AM-Abteilungen von größeren Herstellern und Zulieferern aus der Automotiveund Aerospace-Industrie aus – auch wenn hier zeitweise die Produktion auf TPE und andere Dinge umgestellt wurde, um gegen Covid-19 anzugehen. Mitunter den größten Rückgang in der Personalnachfrage in der AM-Industrie konnte Pearce bei den Herstellern großer AM-Anlagen (250.000 Euro und mehr) feststellen. Hier machen oftmals Investitionsstopps der Kunden zu schaffen.

20 PROZENT WENIGER

Trotz einiger Ausnahmen hat der branchenweite Rückgang der Nachfrage nach Beschäftigten sicherlich die Verhandlungsposition von Mitarbeitern und Bewerbern geschwächt. Laut ersten Erfahrungen von Pearce hat sich das auch auf die Gehälter bei Neueinstellungen ausgewirkt. Ein Beispiel dafür ist ein Maschinenhersteller, der für sein Wachstum in den USA einen Sales Manager suchte. »Der Gehaltsrahmen für die Stelle lag bei 80.000 Dollar und selbst damit unter dem, was ich als marktüblichen Satz ansehen würde. Schließlich vereinbarte man ein Gehalt, das 20 Prozent darunter lag, zugegebenermaßen versüßt mit einigen leistungsabhängigen Boni.«

Ein genaueres Bild über die Lohnentwicklung in der AM-Industrie wird Alexander Daniels Global im »AM Salary Survey Report« Anfang 2021 geben. Dafür werden derzeit die Daten ausgewertet.

Pearce rät Unternehmen, besonders in den USA, davon ab, die aktuelle Lage zu sehr zum eigenen Vorteil auszunutzen und die Löhne weiter zu drücken. »Daraus könnte für die Unternehmen möglicherweise ein Problem entstehen, wenn – vielleicht in 12 oder 18 Monaten – der Markt wieder anspringt und die Nachfrage nach Mitarbeitern wieder das vorherige Niveau erreicht.« Pearce rechnet sogar damit, dass die Nachfrage nach erfahrenen Fachkräften dann noch schneller steigen wird. »Und wenn sich solche Unternehmen dann nicht an die geänderten Verhältnisse anpassen, werden Mitarbeiter sich andere Jobs suchen.«

BESONDERE SKILLS WEITER GEFRAGT

Bewerbern Mut machen dürfte, dass Pearce immer noch Bereiche sieht, vor allem in Europa, in denen die Kandidaten für Jobs spärlich gesät sind. »Es gibt weiterhin eine Nachfrage. « Den Unternehmen sei das oftmals gar nicht bewusst, weil sie eher die Gesamtlage betrachten. »Aber sie ignorieren mikroökonomische Faktoren, die zu spezifischen Engpässen führen, die zu dieser Betrachtungsweise nicht passen.« Das betreffe zum Beispiel Anwendungsingenieure, AM-Ingenieure oder Konstrukteure. »Die Menschen haben einen ganzheitlichen Blick auf die Technologie, vom Design über das Material bis hin zum Prozess, und können damit das ganze Potenzial dieser Technologie entfalten. Solche Kenntnisse sind sehr gefragt und schwer zu finden.«

Daneben haben nach Pearce’ Erfahrung aber auch andere Qualifikationen in Europa derzeit noch gute Chancen – zum Beispiel Verfahrenstechniker, die den Produktionsprozess optimieren können, oder sogar Vertriebsleiter und Channel-Manager. »In Deutschland wäre es sehr schwer, solche Positionen zu besetzen, während ich in den USA direkt fünf Bewerber zur Hand hätte. Das zeigt die unterschiedliche Dynamik in diesen Ländern.«

Mehr Infos:

  • Alexander Daniels Global wurde vor sechs Jahren von Nick Pearce gegründet und hat sich als Personalvermittler für die AM-Branche international etabliert. Das Unternehmen beschäftigt sechs Mitarbeiter im Vereinigten Königreich, in Spanien, Deutschland und den USA.
  • alexanderdanielsglobal.com