Die gewandelte Werkbank der Welt

Text: Ketty Zhong & Thomas Masuch; Fotos: Fohan — 15.06.2020

Dongguan Keheng Shouban Model hat in rund 20 Jahren seine Produktion von Handarbeit auf Hightech umgestellt.

In der jüngeren Wirtschaftsgeschichte stand die 8-Millionen-Metropole Dongguan mit ihren rund 1 Million registrierten Unternehmen wie keine zweite chinesische Stadt für den Markenbegriff »Made in China«. Jedes fünfte weltweit ausgelieferte Smartphone wurde hier produziert. Von der Finanzkrise 2008 stark getroffen, entstand der stark von der Regierung vorangetriebene Plan, sich industriell neu zu erfinden – sozusagen eine Wiedergeburt im Hightech-Bereich. Das betraf auch den 3D-Druck, der mithelfen sollte, Chinas Industrie auf ein neues Level zu heben.

Mit seiner über 20-jährigen Firmengeschichte symbolisiert dabei das Unternehmen Dongguan Keheng Shouban Model Co., Ltd. die technologische Weiterentwicklung der Region: »Unser Unternehmen ist heute fest entschlossen, als qualitativ hochwertige Dienstleistungsplattform die industrielle Aufrüstung von Chinas Fertigungsindustrie zu unterstützen«, erklärt der Vorstandsvorsitzende Binghua Wen stolz.

Heute stellt sich die Frage, ob 3D-Druck reif für die Massenproduktion ist, für Binghua Wen schon lange nicht mehr. Sein Unternehmen, das in Dongguans Formenbau-Stadtteil Chang‘an ansässig ist, erreicht im industriellen 3D-Druck Stückzahlen, die international weit oben anzusiedeln sind: Das Unternehmen verfügt über mehr als 500 industrielle, großformatige 3D-Drucker und liefert einen jährlichen Output von mehr als 10 Millionen Stück, wobei die Produkte unter der Brand »Fohan« auf den Markt kommen.

 

Bestellungen vorwiegend über das Internet

Das Geschäftsmodell basiert fast ausschließlich auf 3D-Druck-Dienstleistungen, die über das Internet bestellt werden. Auch wenn inzwischen einige internationale Kunden hinzugekommen sind, liegt der Schwerpunkt auf dem chinesischen Markt. Zu den Produkten zählen unter anderem Prototypenteile, Kunsthandwerk, Film- und Fernsehrequisiten oder Messedisplays.

1998 gegründet, beschäftigt Dongguan Keheng Shouban Model Co., Ltd. (kurz Keheng 3D Printing) heute 650 Mitarbeiter. In den ersten drei Jahren fertigte das Unternehmen ganz traditionell vorwiegend in Handarbeit, danach kamen von 2004 bis 2010 auch Gravierund Fräsmaschinen sowie CNC-Bearbeitungsmaschinen zum Einsatz.

»Bei diesem Prozess waren vor allem die neuen Anforderungen in Bezug auf Design und Programmierung die kritischsten Schritte«, erinnert sich Binghua Wen. Das Unternehmen hat schnell und massiv seinen Maschinenpark erweitert, vor allem mithilfe von Uniontech, einem chinesischen Hersteller von SLA-Maschinen (siehe Beitrag), der mehr als 500 Maschinen lieferte. Daneben wird auf HP-Anlagen Nylon-Material verarbeitet. »In der Zukunft wollen wir den Maschinenpark auf 1000 Anlagen erweitern«, erklärt Binghua Wen zuversichtlich.

Die additive Fertigung hat die Produktion bei Keheng 3D Printing so weit verändert, dass ein Großteil nur noch 3D-gedruckt wird. Rund 10 Prozent der Teile werden noch in verschiedenen traditionellen Herstellungsverfahren produziert – vor allem bei Engpässen oder besonderen Wünschen der Kunden. Damit zeigt Keheng 3D Printing auch, wie 3D-Druck in China die Transformation von der günstigen Werkbank der Welt zum Standort für Hightech-Industrie befeuert.