»3D-Drucker sind wie Verkaufsautomaten«

Interview: Thomas Masuch; Fotos: Heygears — 15.06.2020

Heygears ist eine der beeindruckenden additiven Start-up-Geschichten aus China. Innerhalb von fünf Jahren ist das Unternehmen aus Guangzhou mit derzeit 320 Mitarbeitern zu einem wichtigen Player der Branche gewachsen. Hohes Tempo ist auch für Gründer und CEO Heyuan Huang einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren. Mit ihm konnten wir über die Hintergründe dieser erfolgreichen Entwicklung sprechen.

Die Gründung von Heygears liegt noch nicht allzu lange zurück. Welches Ziel hatten Sie vor Augen, als Sie vor etwa fünf Jahren begannen?

HUANG Als wir Heygears 2015 gegründet haben, dachten wir noch nicht daran, in die additive Fertigung einzusteigen. In dieser Zeit hatten wir die Idee, Kopfhörer mit einer anderen Produktionsmethode herzustellen. Das Design, das wir so ergonomisch wie möglich gestalten wollten, war für traditionelle Herstellungsmethoden wie Spritzguss aber viel zu komplex. Also haben wir uns verschiedene Herstellungstechnologien angeschaut und festgestellt, dass die einzige Möglichkeit, diese Art von Strukturen herzustellen, die additive Fertigung war.

 

Also mussten Sie Ihre Pläne ändern?

HUANG Ja, wir begannen, uns verschiedene Hersteller und Technologien für den 3D-Druck anzusehen. Dabei sind wir auf einige Hindernisse gestoßen, da diese Unternehmen weder Erfahrung mit dem Zusammenbau einer so komplexen Komponente hatten noch über die Menge an 3D-Druckern verfügten, die wir brauchten. Alternativ dazu kauften wir in der Anfangszeit einige 3D-Drucker, aber die Materialien, die wir verwenden mussten, waren extrem teuer und die Auflösung der Drucker konnte nicht richtig abgestimmt werden, da die Drucker komplett verschlossen waren.

»Wir sehen uns nicht als Hersteller von 3D-Druckern. Wir sehen uns vielmehr als einen Wegbereiter von Anwendungen.«

Aber das hat Sie nicht aufgeben lassen …

HUANG »Aufgeben« gehört nicht zu unserem Wortschatz. Daher begannen wir nach einem anderen Weg zu suchen, um unsere Ziele zu erreichen. Wir beschlossen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, und begannen, unser eigenes System zu entwickeln, was ein sehr riskanter Prozess war. Rückblickend betrachtet war es aber die absolut richtige Entscheidung, denn zu dieser Zeit kam Apple mit seinen AirPods auf den Markt, was ein sehr großer Schlag für das Geschäft mit drahtlosen Kopfhörern war. Unser Verkauf von Kopfhörern ging ziemlich stark zurück. Glücklicherweise hatten wir unser F&E-Team weiter im Bereich 3D-Drucker arbeiten lassen. Wir entschieden uns, nach anderen Anwendungen zu suchen, die mit unseren Systemen hergestellt werden konnten – und das waren letztendlich Dentalanwendungen. Fünf Jahre später können wir mit Stolz sagen, dass Heygears mit seinen Kerntechnologien aus AM, KI und Big Data Handling auf verschiedenen Ebenen gut aufgestellt ist.

 

Eine recht interessante Entwicklung, als Anwender von AM zu beginnen und als Hersteller von 3D-Druckern zu enden …

HUANG In der Tat, ja. Aber wir sehen uns nicht als Hersteller von 3D-Druckern. Wir sehen uns vielmehr als einen Wegbereiter von Anwendungen. Vor dem Hintergrund, den wir haben, ist der 3D-Druck nur eine Herstellungsmethode.

 

Das klingt, als ob sich Ihre Geschäftskonzepte in gewisser Weise von denen der reinen 3D-Drucker-Hersteller unterscheiden…

HUANG Heygears konzentriert sich auf die Anwendung, das Endprodukt. Auch wenn wir viele Drucker auf den Markt bringen, besteht unser Geschäftsmodell nicht darin, Drucker zu verkaufen und unsere Einnahmen aus Maschinenverkäufen zu erzielen: Wir wollen Anwendungen ermöglichen und bieten unseren Kunden den kompletten Workflow von Anfang bis Ende. Heygears glaubt, dass die einzige Möglichkeit, wie Additive Manufacturing funktionieren kann, darin besteht, eine sehr tiefe vertikale Anwendung zu etablieren, anstatt Drucker in Branchen zu verkaufen, von denen wir nicht einmal wissen, wie sie die Drucker nutzen werden. Für uns sind 3D-Drucker wie Verkaufsautomaten. Deshalb besteht unsere Strategie darin, darüber nachzudenken, was wir einem vertikalen Markt hinzufügen können, damit unsere Warenautomaten mehr Produkte herstellen und verkaufen können. Aus diesem Grund haben wir aus Fertigungssicht ein ganzheitliches vertikales System aufgebaut und unser eigenes Softwaresystem, unser eigenes Serviceteam und ein sehr tiefes Verständnis für die zahnärztliche Prozesskette entwickelt.

 

Und wie prägt diese Strategie Ihr Unternehmenskonzept?

HUANG Zunächst einmal ist die dezentrale Produktion unser Hauptgeschäftsmodell. Wir geben unsere Drucker zu relativ günstigen Preisen an unsere Partner weltweit ab. Unsere Partner, bei denen es sich zu einem großen Teil um Dentallabors hier in China handelt, verwenden unsere Systeme zur Herstellung von Endprodukten. Zweitens sind wir auch ein Servicebüro, das sich auf die Herstellung von Klein- und Großserien wie Dentalanwendungen oder Kopfhörer konzentriert.  

 

Was sind für Sie als chinesisches Unternehmen die konkreten Vorteile, von denen Sie hier auf dem Markt profitieren?

HUANG Als Hightech-Unternehmen mit Sitz in der Provinz Guangdong profitieren wir einmal von einem extrem hohen Tempo in Forschung und Entwicklung sowie in der Maschinenproduktion. Wenn ein Kunde zehn Maschinen bestellt, versprechen wir eine Lieferzeit von zwei Wochen. Auf der anderen Seite unterstützt die chinesische Regierung heimische Unternehmen bei Zertifizierungen, Registrierungen und möglichen Finanzierungen für bestimmte Entwicklungen und Innovationen. Und eines sollten wir nicht vergessen: Hier geht alles schnell. Wenn wir heute Dinge ausprobieren, haben wir in drei Tagen die Ergebnisse. Dieses Ausprobieren ist für die Produktinnovation äußerst wichtig.

 

Und was haben Sie aus der Zusammenarbeit mit Ihren europäischen und internationalen Partnern gelernt?

HUANG Es trifft in der Tat zu, dass sich Europa in einem anderen Tempo bewegt als China. Heygears hat es sich zum Ziel gesetzt, mit seinen Partnern weltweit zusammenzuarbeiten und gemeinsam zu wachsen, und wir glauben, dass ein Unternehmen das andere stärken kann und umgekehrt. Ich glaube, es ist ein Prozess des gemeinsamen Lernens. Wir müssen viel von unseren Partnern lernen, und unsere Partner brauchen mehr Input vom Markt von uns.

 

Herr Huang, herzlichen Dank für das Gespräch.

Heygears:

  • Heygears Der offizielle Name des Unternehmens lautet Guangzhou Heygears IMC. Inc. Heygears wurde 2015 von fünf Freunden gegründet, die das Unternehmen noch immer leiten (alle sind noch unter 30 Jahre alt). Heygears hat eine Finanzierung von mehr als 100 Millionen US-Dollar erhalten. Mit mehr als 320 Mitarbeitern und Niederlassungen in China und den USA erreicht das Unternehmen derzeit eine weltweite Tagesproduktion von rund 10.000 Endprodukten, die sich laut Mitbegründer Heyuan Huang bis Ende 2020 verdoppeln soll. Die Mehrheit der Kunden hat ihren Sitz in China, das als größtes Herstellungsland für Dentalprodukte weltweit gilt. Andere Kundengruppen kommen aus den USA, Europa oder Südostasien
  • Weitere Informationen: heygears.com