»Zusammen mit den Chinesen die additive Fertigung erschlossen«

Interview: Thomas Masuch; Fotos: Kim Francois — 15.06.2020

Kim Francois lebt seit 2009 in China und war während dieser Zeit lange als das Gesicht von Materialise in China bekannt. Seit Anfang 2020 ist sie als Global Business Development Director für das junge und ziemlich erfolgreiche AM-Unternehmen Heygears in Guangzhou tätig. Wir haben mit ihr über ihren Werdegang, die Entwicklung der AM-Industrie in China und die Chancen für internationale Kooperationen gesprochen.

In den vergangenen elf Jahren haben Sie nicht nur die chinesische AM-Industrie, sondern auch die Kultur des Landes sehr gut kennengelernt. Was waren die Beweggründe, um hierherzukommen und später hier zu bleiben?

FRANCOIS Mein Traum war es immer schon, nach China zu ziehen – und inzwischen, nach so langer Zeit, denke ich nicht mehr ganz so wie eine Vollblut-Europäerin. Nach zehn schönen Jahren in Shanghai und bei Materialise hatte ich mich entschieden, nach Guangzhou zu Heygears zu wechseln. Mit diesem Unternehmen hatte ich schon in den vergangenen zweieinhalb Jahren einen engen Kontakt und war vor allem von deren Tatendrang und »Getting- Things-Done-Einstellung« so beeindruckt, dass ich noch tiefer in die chinesische Kultur und den chinesischen Markt eintauchen wollte. Als ich damals mit meinem Mann nach Shanghai zog, war es recht einfach, Menschen kennenzulernen, sowohl Ausländer als auch Einheimische. Aus meiner Sicht sind die Chinesen auch sehr offene und neugierige Menschen. In den letzten zehn Jahren hat sich Shanghai zu einer der am stärksten boomenden Städte entwickelt und wird mehr und mehr zum »New York des Ostens«. Guangzhou hingegen ist etwas weniger verwestlicht, aber ich genieße hier die lokale chinesische Straßenküche und bin neugierig darauf, die Stadt nach der Pandemie noch weiter zu entdecken.

»In China kann man eine Art Silicon-Valley- Mentalität finden. Die Menschen gehen ständig an die Grenzen und sind im »Trial-and-Error-Modus«. Von dieser Mentalität kann Europa profitieren.«

Und wie hat sich das Abenteuer im Rahmen der chinesischen AM-Industrie entwickelt?

FRANCOIS Als ich zu damals zu Materialise kam,war ich mit 3D-Druck noch nicht vertraut –aber man hatte zu der Zeit auch nach einem Ausländer gesucht, der Chinesisch sprach und die chinesische Kultur verstand. Mein Hintergrund war die Sinologie, und so war damals bei Materialise einer der wenigen nichttechnischen Mitarbeiter. Zu dieser Zeit konzentrierten sich die Chinesen auch noch auf die traditionelle Fertigung, vor allem ging es um billige(re) Lohnkosten – deshalb kann man das auch so sehen, dass ich zusammen mit den Chinesen die additive Fertigung erschlossen habe. Wenn ich mir den aktuellen Stand des Marktes und Unternehmen wie Heygears ansehe, ist es unglaublich, wie schnell er sich in den letzten fünf Jahren entwickelt hat.


Aber dann haben sich die Dinge recht schnell geändert …

FRANCOIS Ja, 2012 kam mit Xi Jinping der neue Präsident an die Macht, und er sah die Notwendigkeit, die Sichtweise auf »Made in China« zu ändern. Chinas Industrie sollte nun intelligente mit traditioneller Fertigung kombinieren, um so die Ziele des aktuellen »Made in China 2025«-Plans zu erreichen. Da der additiven Fertigung dabei eine wichtige Rolle zugeschrieben wird, hat China sich dieser Technologie angenommen, und die Achterbahnfahrt begann. Denn man weiß: Sobald sich die chinesische Regierung etwas auf die Fahnen geschrieben hat, bietet sie Plattformen, stellt Geld für Unternehmen bereit, die in diesem Bereich Forschung oder ähnliche Projekte durchführen, und ermöglicht es sowohl der Forschung als auch kommerziellen Unternehmen, neue Technologien so schnell wie möglich einzusetzen. Das bedeutet auch, dass traditionelle und intelligente Fertigung kombiniert werden können –das perfekte Beispiel dafür sind die Dentallabors.

 

Und was bedeutete das für die additive Fertigung konkret?

FRANCOIS Damit wurde AM plötzlich zum Hype. 2013 und 2014 tauchte wie aus dem Nichts eine Reihe von Herstellern von Desktop- 3D-Druckern auf. Da die chinesische Regierung mit 5-Jahres-Plänen arbeitet, ist es immer sehr interessant zu sehen, wie sich alles in so einem Zeitrahmen verändert. Im Vergleich zu 2013 hat sich der Markt aber inzwischen völlig verändert, und die meisten dieser Desktop-AM-Hersteller sind wieder verschwunden. Geschäftsplan und Konzept waren nicht ideal für den chinesischen Markt, aber das Schöne ist: Sie haben es versucht, und die Regierung war dabei ein Wegbereiter. Andere wie z. B. Heygears, BLT, Uniontech und viele mehr hatten die richtige Technologie, Stärke und Servicementalität und konnten sich so einen festen Kundenstamm aufbauen.

 

Im Bereich der Hardware-Hersteller ist die AM-Industrie also stark gewachsen. Aber welchen Eindruck haben Sie von industriellen Anwendungen?

FRANCOIS Ich hatte das Glück, dass ich in den vergangenen Jahren viele Unternehmen besuchen konnte, die sich mit AM beschäftigen – sowohl kleine Start-ups als auch Krankenhäuser, Forschungsinstitute und große Hersteller wie Geely. Ich war oft mehr als die Hälfte meiner Zeit unterwegs und habe es – und das ist offensichtlich – genossen. Unternehmen zu besuchen bringt neue Ideen und spornt mich weiter an zu entdecken, was die Chinesen in den letzten fünf bis zehn Jahren aufgebaut haben. Das ist wirklich unglaublich! Jedes Unternehmen verfolgt ja einen anderen Weg, und auch die Geschäftsmodelle unterscheiden sich je nach Region. Nehmen wir zum Beispiel den Süden: Ein großer Teil der CNC-Maschinen wurde durch Stereolithografie- Technologie ersetzt, und daher finden wir in dieser Region jetzt Tausende von SLA-Maschinen. Um Ihnen eine Vorstellung davon zu geben: Wenn Sie Ihre Bestellung heute Vormittag aufgeben, bekommen Sie Ihren Prototyp bis spätestens 18 Uhr in Ihr Unternehmen geliefert. Das erstaunt mich immer wieder!


Und wie sieht es hier im Bereich Metall aus?

FRANCOIS Ich war beeindruckt, wie schnell der Metalldruck hier angenommen wurde. Derzeit kommt er hauptsächlich in der Luft- und Raumfahrt sowie im medizinischen Bereich zum Einsatz. Es gibt Servicebüros mit mehr als 100 Metallmaschinen – einige von ihnen bieten wirklich große Bauplattformen von bis zu 1,5 Metern Höhe an. Außerdem wird Metall-3D Druck auch in der Dental- und in der Schuhindustrie eingesetzt. Alle Dentallabors beginnen auch damit, einen vollständig automatisierten Arbeitsablauf einzuführen, und nutzen dafür je nach Anwendung Metall- und Kunststoff-3D Druck. In der Schuhindustrie hat Materialise zum Beispiel eng mit Shanghai Uniontech zusammengearbeitet, um eine geformte Textur direkt auf die Zwischensohle zu drucken.

Für Europäer und Amerikaner sind China und seine Industrie ziemlich weit weg – sowohl räumlich als auch kulturell. Glauben Sie, dass die Menschen in der westlichen Welt wissen, was auf dem chinesischen AM-Markt passiert und welchen Einfluss das künftig auf die gesamte Industrie haben kann?

FRANCOIS Letztes Jahr hatte ich die Ehre, auf dem »Women in AM Industry« Summit in Berlin zu sprechen. Dabei war ich überrascht, dass so viele Aktivitäten, die in China laufen, in den westlichen Ländern nicht wahrgenommen werden und dass vielen Menschen immer noch nicht bewusst ist, was sich in China in den letzten Jahren getan hat. Ich freue mich darauf, daran etwas ändern zu können. Und auch China als Partnerland der Formnext 2020 wird dazu beitragen.

 

Was ist in Ihren Augen der wichtigste Grund, warum wir China mehr Aufmerksamkeit schenken sollten?

FRANCOIS Ich habe oft das Gefühl, dass die Menschen Angst vor dem Unbekannten haben und dass China für Europäer eines der Unbekannten ist. Oft wird China in den westlichen Medien noch immer negativ dargestellt, und es ist sehr bedauerlich, dass die positiven Dinge, die hier in den letzten Jahren (und Jahrzehnten) geschehen sind, oft nicht erwähnt werden oder keine ausreichende Berichterstattung erhalten. Als Ausländerin, die seit mehr als zehn Jahren in China arbeitet – zuerst für eine belgische und jetzt für eine chinesische Firma –, glaube ich, dass China und Europa einander durch Zusammenarbeit stärken können. Natürlich muss man den richtigen Weg finden und die verschiedenen Kulturen respektieren. Ein belgisches Unternehmen, das in China das gleiche Geschäftsmodell anwendet wie in Belgien, wird scheitern, genauso funktioniert es umgekehrt nicht. Beispiele wie »Best Buy« (Anmerkung der Redaktion: US-amerikanischer Betreiber von großen Ladenketten für Unterhaltungselektronik) zeigen uns, wie wir in China nicht operieren sollten. Beispiele wie Siemens zeigen, wie deutsche und chinesische Kultur erfolgreich Hand in Hand gehen können.


Und wie könnten beide Seiten von einer engeren Zusammenarbeit profitieren?

FRANCOIS In China kann man eine Art Silicon- Valley-Mentalität finden. Die Menschen gehen ständig an die Grenzen und sind im »Trial-and-Error-Modus«. Von dieser Mentalität kann Europa profitieren. Nach meiner Erfahrung versucht man in Europa, zunächst Pläne mit verschiedenen Optionen zu schmieden, und mit diesen recht lange zu arbeiten, bevor es dann nach sorgfältigen Überlegungen an die Umsetzung geht. Die Chinesen arbeiten eher ad hoc: Sie probieren verschiedene Optionen aus und handeln schnell. Wenn eine Option nicht funktioniert, gehen sie zur nächsten über und lernen dabei aus dem, was gut und was weniger gut gelaufen ist. Ich kann nicht sagen, dass der eine oder andere Weg besser ist – aber der chinesische fördert stärker einen unternehmerischen Arbeitsstil.


Frau Francois, herzlichen Dank für das interessante Gespräch.