Der Abschied von den Blaumännern

von Thomas Masuch — 14.06.2020

Auch wenn durch die Covid-19-Krise das Wirtschaftsleben weltweit aus den Fugen geraten ist und sämtliche Prognosen für 2020 nicht mehr viel wert sind, wird es ein Wirtschaftsleben und vor allem wieder einen Aufbau und Aufschwung danach geben. Hier bietet China besonders für Partner und Unternehmen von anderen Kontinenten große Chancen. Dafür sprechen allein schon die Zahlen: China steht für mehr als 16 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung und trug in den vergangenen Jahren rund ein Drittel zum globalen Wachstum bei. Der weltweit größte Automobilhersteller, VW, verkauft 2019 allein in China 40 Prozent seiner Pkw.

Die Zeiten, in denen China als billige Werkbank für die Welt agierte, scheinen sich dem Ende zu nähern. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen haben sich in den vergangenen Jahren deutlich geändert, und man kann davon ausgehen, dass sich dieser Prozess auch in Zukunft fortsetzt. Unter anderem erlebt China eine stärkere Binnenorientierung, ein »Rebalancing «. Diese Entwicklung zeigt sich auch in der Handelsbilanz: Die enormen Handelsüberschüsse haben sich in den vergangenen fünf Jahren kontinuierlich verringert. Gleichzeitig stiegen die Löhne in China immer weiter an. Das durchschnittliche verfügbare Pro-Kopf-Einkommen in den Städten stieg von 2015 bis 2019 um über 30 Prozent.

DIE BEDEUTUNG DES »MADE IN CHINA 2025«

»Qualität statt Quantität« ist eine der wichtigsten Maximen, zu denen sich das Land in seinem Zukunftsplan »Made in China 2025« verpflichtet hat. Anstelle von Blaumännern in der Produktion sollen verstärkt Unternehmer, Ingenieure und Forscher das Bild der chinesischen Wirtschaft prägen. Dieses strategische Wirtschaftsprogramm, das 2015 von Ministerpräsident Li Keqiang und dem chinesischen Staatsrat ins Leben gerufen wurde, ist auch eng verbunden mit der schnellen Entwicklung der chinesischen AM-Industrie.

»Made in China 2025« wurde inspiriert vom deutschen Zukunftsprojekt Industrie 4.0, geht aber deutlich darüber hinaus und zielt auf eine deutliche Aufwertung der chinesischen Industrie. So soll nicht nur die Qualität der Produkte verbessert, sondern auch die IT stärker integriert werden und die Innovationskraft steigen. Zu den zehn ausgewählten Schlüsselindustrien zählen zum Beispiel neben der Luft- und Raumfahrt und neuer Mobilität auch intelligente Werkzeugmaschinen und Roboter sowie neue Werkstoffe und Materialien – und damit Bereiche, die mit additiver Fertigung eine beträchtliche Schnittmenge haben.

Für die Umsetzung ausgewählt wurde zuerst die Millionenstadt Ningbo, die rund 200 Kilometer südlich von Shanghai liegt und in der fast die Hälfte der 1,2 Millionen Arbeitskräfte in Fertigungsunternehmen beschäftigt ist. Danach folgten zahlreiche weitere Pilotstädte – unter anderem die Wirtschaftsmetropolen Chengdu oder Hefei.

ENTWICKLUNG DER CHINESISCHEN AM-INDUSTRIE

Die Entwicklung des Additive Manufacturing ist in China etwas später gestartet als in den USA oder Europa. Industrieller 3D-Druck passte vor 20 Jahren nicht zur Werkbank der Welt und zu einer Industrie, die auf hohe und möglichst günstige Stückzahlen ausgelegt war. Die Investitionen, um eine industrielle AM-Produktion aufzubauen, waren im Vergleich zu den Lohnkosten sehr hoch.

Zwar gibt es auch in China einige Pioniere der additiven Fertigung: Uniontech wurde 2000 gegründet, HBD 2007 und Farsoon 2009. Auch am 9. Volkskrankenhaus in Shanghai beschäftigen sich Ärzte wie Dr. Bowen Jiang seit 20 Jahren mit der additiven Fertigung in der Medizintechnik und verfügen über eine beeindruckende Anwendungserfahrung. Doch richtig in Fahrt kam additive Fertigung in China erst vor rund fünf Jahren: Ein guter Teil der aktuellen chinesischen AM-Industrie wurde in dieser Zeit gegründet. Und junge AM-Unternehmer wie die Mitbegründer von Polymaker und Heygears, Luo Xiaofan und Heyuan Huang, betonen die Bedeutung der Unterstützung der Regierung für die erfolgreiche Entwicklung ihrer Unternehmen. Laut dem Wohlers Report 2020 belegt China mit 32 AM-Anlagen- Herstellern (19 davon im Metallsektor) weltweit den zweiten Rang hinter den USA (47) und vor Deutschland (25). Einige der genannten AM-Unternehmen haben inzwischen eine beträchtliche Größe mit mehreren Hundert Mitarbeitern erreicht und verkaufen bis zu 500 Anlagen pro Jahr. BLT ist inzwischen an der Technologiebörse STAR Market gelistet, und das Start-up Heygears hat im Dezember 2019 in der B1-Investmentrunde über 60 Mio. US-Dollar eingesammelt.

In der chinesischen Fertigungsindustrie scheinen sich die Möglichkeiten der industriellen 3D-Drucks mit etwas Verzögerung zu verbreiten. So hat das belgische AM-Unternehmen Materialise in seiner Ende 2019 veröffentlichten Marktstudie ermittelt, dass 63 Prozent der befragten Fertigungsbetriebe additive Fertigung als erwachsen genug ansehen, um visuelle Prototypen herzustellen. 34 Prozent können sich auch die additive Produktion von funktionalen Prototypen vorstellen. Sehr viel dynamischer verläuft dagegen die jüngste Entwicklung in den Augen von Kitty Wang, die mit ihrer Plattform 3D Science Valley (Medien, Beratung, Marktforschung) seit Jahren die chinesische AM-Industrie intensiv untersucht. »Das Bewusstsein für den 3D-Druck und seine Möglichkeiten innerhalb der Fertigungsindustrie in China ist besonders in diesem Jahr deutlich höher als zuvor. Die Unternehmen werden immer offener dafür, die Vorteile des 3D-Drucks kennenzulernen.« 

Dass die chinesische AM-Industrie schon sehr weit ist, zeigen einige der Unternehmen und Anwendungen in unserem China-Special: Das reicht von 3D-gedruckten funktionalen Prototypen für den Automobilsektor (siehe Farsoon) bis hin zu additiv hergestellten Funktionsbauteilen für elektrische Pkw (siehe Polymaker). Daneben gibt es auch in China zahllose reale Anwendungen, die vom Formenbau über die Luft- und Raumfahrt bis hin zu 3D-gedruckten Kunststoffbrücken reichen. Und während industrielle Anwender in ihren Anfangsjahren AM-Systeme aus den USA und Europa gekauft haben, stammen die 3D-Drucker in den Produktionshallen immer öfter (und manchmal fast ausschließlich) aus China.

WARUM LOHNT SICH DIE KOOPERATION MIT CHINESISCHEN PARTNERN?

Trotzdem bietet der chinesische Markt so viel Potenzial, dass er für internationale AM-Unternehmen als Absatzmarkt höchst interessant bleibt (oder werden sollte). Mit der Automobil-, Luftfahrt- und Gesundheitsindustrie (vor allem im Dentalbereich) unterscheiden sich die wichtigsten Anwenderbranchen kaum vom Rest der Welt. Und sollte die Verbreitung von AM in den Fertigungsbetrieben (wie zum Beispiel im Formenbau, siehe die Beiträge zu Gree und HBD) weiterhin deutlich steigen, wird auch der Bedarf an AM-Anlagen, Software und Material entsprechend zunehmen, genauso wie der für spezialisierte Lösungen und Know-how.

Doch nicht nur als reiner Absatzmarkt ist China eine interessante Adresse: Immer mehr internationale Konzerne gehen bilaterale Entwicklungskooperationen mit chinesischen Unternehmen und Forschungseinrichtungen ein. Zwar schwingt bei jeder internationalen Kooperation ein gewisses Risiko mit, zum Beispiel bei der Datensicherheit. »Aber letztendlich besteht immer ein Chancen-Risiken-Verhältnis, mit dem man mögliche Entwicklungen und die Chancen auf einen Marktzugang abwägen muss«, erklärt Dr. Dirk Simon, der die europäische Handels- und Servicetochter von Farsoon leitet (mehr dazu im ausführlichen Beitrag).

Einen weiteren großen Vorteil, der sich immer wieder in Gesprächen mit europäischen China-Insidern herauskristallisiert, bietet die Additive-Manufacturing-Industrie im Reich der Mitte durch ihre dynamische Start-up-Denkweise mit einem enorm hohen Entwicklungstempo und schnellen Entscheidungen. Kim Francois, Global Business Development Director von Heygears, sieht hier »eine Art Silicon-Valley- Mentalität« (siehe Interview). Und Dr. Simon schätzt besonders »die Begeisterung der Chinesen, schnell Lösungen anzubieten«. Während in Deutschland noch teilweise Bedenkenträger sitzen, »steht bei den Chinesen die Suche nach dem Erfolgsweg viel stärker im Vordergrund«. Für westliche Unternehmen bietet die chinesische Mentalität laut Simon die Chance auf einen Wettbewerbsvorteil auch hierzulande.