»Die Geschichte des 3D-Drucks für Werkzeuge und Prototypen ist erzählt«

Interview: Thomas Masuch; Photos: Carbon — 09.09.2019

Carbon ist so etwas wie die Firma Tesla für Additive Manufacturing: Das 2013 gegründete Unternehmen ist mit einer neuen Technologie, einer neuen Verkaufsstrategie und angetrieben von der größten Investmentsumme der Branche fast kometenhaft in die Reihe der großen AM-Firmen vorgedrungen. Mit der jüngst abgeschlossenen Finanzierungsrunde (Serie E) kommt das kalifornische Unternehmen auf ein Gesamtinvestment von 680 Millionen Dollar und beschäftigt inzwischen 400 Mitarbeiter. Wir haben mit Philip DeSimone, einem der Gründer und Chief Customer Officer, über die bisherige Entwicklung und die weiteren Pläne gesprochen.

680 Millionen Dollar klingen für europäische Verhältnisse nach einer anderen Dimension der Geschäftsentwicklung in der AM-Industrie. Wie hat die große Summe Ihnen in den vergangenen Jahren geholfen und hat ein US-Unternehmen hier einen Vorteil im internationalen Vergleich?

DESIMONE: Ja, ich denke schon. Aber ich glaube, dass es um die Einstellung zu unserem Erfolg geht. Wir haben seit unserem Start insgesamt 680 Millionen Dollar Investments einsammeln können. Mit der Runde über 260 Millionen Dollar, die wir gerade abgeschlossen haben, erreichen wir eine Unternehmensbewertung von mehr als 2,4 Milliarden Dollar. Aus meiner Sicht ist die aktuelle Finanzierungsrunde eher der Überzeugung der Investoren zuzuschreiben, dass wir die Fähigkeit haben, unsere bisherigen Erfolge auch in der Zukunft fortzusetzen. Es ist das Größte, was jemals im 3D-Druckbereich realisiert wurde, und wir sind mit Sicherheit stolz auf diese Leistung.

Sie waren einer der Gründer. War von Anfang an geplant, dass das Unternehmen so groß werden soll?


DESIMONE: Es gibt viele entscheidende Momente, wenn man ein Unternehmen aufbaut. Ich dachte schon früh, dass es groß werden würde, aber ich wusste nicht, wie groß es sein könnte. Um offen zu sein: Man braucht auch viel Glück und das richtige Timing. Natürlich haben wir außergewöhnliche Fähigkeiten, aber es gibt auch viele großartige Technologien, die schon im Ansatz stecken geblieben sind, weil das richtige Timing fehlte. Bei uns lief es perfekt und wir hatten auch ein wenig Glück auf unserer Seite. Als wir anfingen, dachte ich nicht, dass wir einmal zu einem 2,5 Milliarden Dollar schweren Unternehmen wachsen. Richtig überzeugt war ich davon nach etwa drei Jahren. 2016 wusste ich, dass wir etwas ganz, ganz Besonderes aufbauen. Selbst jetzt bin ich beim Blick auf unsere Zukunftschancen noch optimistischer als je zuvor. Wir erneuern die weltweite Produktion auf eine Art, von der Menschen im 3D-Druck seit 40 Jahren geträumt haben.

» Jetzt erweitern wir uns international und vergrößern unsere Präsenzen sowohl in der EU als auch auf den asiatischen Märkten.« 

In der recht kurzen Unternehmensgeschichte hat Carbon schon viel erreicht: Es gibt Kooperationen mit namhaften Unternehmen in verschiedenen Branchen und bereits konkrete Anwendungen. Wie soll die Entwicklung in den nächsten drei Jahren weitergehen?

DESIMONE: Wir haben inzwischen einen großen Stellenwert in den Vereinigten Staaten erreicht. Wir sind hier gewachsen und nähern uns 1.000 bislang installierten Druckern. Jetzt erweitern wir uns international und vergrößern unsere Präsenzen sowohl in der EU als auch auf den asiatischen Märkten. Außerdem betreiben wir eine Menge Forschung und Entwicklung, zum Beispiel für Software und recycelbare Materialien. Außerdem bauen wir unser erstes Entwicklungszentrum hier in Kalifornien. Das wird ein Aushängeschild für die Möglichkeiten von digitaler Fertigung in großem Maßstab. Es wird der Ort, an dem das Ökosystem sich weiterentwickelt. So etwas ist einzigartig. Als wir hier bei Carbon anfingen und es darum ging, die Produktion zu steigern, gab es dieses Ökosystem einfach nicht. Kein Zulieferer wusste, wie man eine digitale AM-Anlage aufbaut. Niemand verstand, wie man mit Harzen oder anderen Materialien umgehen muss. Deshalb investieren wir auch viel Geld, um den nächsten Sprung in die globale Fertigung voranzutreiben.

 

Sie haben bereits erwähnt, dass Sie Ihre Präsenz in Europa und Asien verstärken wollen. Arbeiten Sie dabei mit Vertriebspartnern zusammen oder bauen Sie Ihr eigenes Netzwerk auf?

DESIMONE: Bisher hatten wir immer einen eigenen Direktvertrieb, also müssen wir unsere eigene Lieferkette aufbauen. Wir prüfen einige Channel-Partnerschaften, aber international werden wir mit unserer bewährten Strategie weiter wachsen, indem wir eigene Mitarbeiter an unseren Standorten beschäftigen und so den Direktvertrieb aufbauen. Derzeit beschäftigen wir in Europa rund 20 Mitarbeiter.

Begründet sich dieses Vorgehen auch damit, dass Ihre Technologie so speziell ist und damit nicht in ein Portfolio neben andere AM-Technologien passt?

DESIMONE Ja, das ist wohl ein Aspekt davon. Es gibt großartige Vertriebspartner, aber diese vertreiben in der Regel eine Vielzahl von Produkten. Bei der digitalen Fertigung kommt es aber darauf an, einen Schwerpunkt zu setzen und auf diesem Gebiet Experte zu werden. Wir haben festgestellt, dass sich externe Vertrie bspartner sehr schlank aufstellen und keine Experten werden. Sie sind gut im Verkauf, aber nicht unbedingt in der Kundenbindung. Unser Ziel war es vom ersten Tag an, dass wir lieber 10 Kunden mit jeweils 10 Verkäufen haben als 100 Kunden mit je einem. Deshalb haben wir uns intensiv um den Post-Sales-Support sowie das Aufspüren und das Entwickeln von Anwendungen gekümmert. Mit unseren Kunden zusammen validieren wir Komponenten in größerem Maßstab. Das alles ist für Vertriebskanäle einfach nicht möglich. Unser interner Fokus liegt darauf, dass wir Experten für die von uns entwickelte Technologie, unsere Materialien und unseren Prozess sind. Wir unterstützen unsere Kunden von der Idee bis zur Ausweitung der Produktion, ohne dass sie dafür mit anderen Partnern zusammenarbeiten müssen.

 

Auf welche Branchen konzentrieren Sie sich?

DESIMONE: Wir hatten sichtlich viel Erfolg im Bereich Footwear mit Adidas. Wir haben aber auch viele Produkte und Anwendungen im Bereich Konsumgüter. Einiges davon werden Sie im November auf unserem Stand auf der Formnext sehen. So arbeiten wir beispielsweise mit Riddell, um American-Football-Spieler mit verbesserten Helmen zu schützen. Wir haben Projekte in den Bereichen Gitterstrukturen sowie Energieaufnahme und -rückführung, die uns wirklich begeistern. Im Automobilbereich realisieren wir viele interessante Projekte mit Ford, Lamborghini und BMW. Auch im Anlagenbau wachsen wir stark. In den letzten 12 Monaten hat sich das mit unseren Anlagen gefertigte Volumen auf das 33-Fache gesteigert. Das zeigt, wie sich die weltweite Fertigung ändert. Es gibt kein anderes AM-Unternehmen, bei dem die Drucker im Schnitt 45 Stunden pro Woche drucken. Diese Maschinen sammeln nicht irgendwo Staub, sie kommen richtig zum Einsatz.

Um einen der letzten Punkte aufzugreifen: Welche Innovationen wird Carbon auf der Formnext zeigen?

DESIMONE: Wir werden ein richtungsweisendes Projekt vorstellen, das wir mit einem renommierten Partner aus der Sportbranche umgesetzt haben. Es wird eine der weltweit größten Anwendungen für die Endprodukte in der digitalen Fertigung sein. Das wird auch die Vorstellung verbessern, wer wir bei Carbon sind und was wir tun. Schließlich drucken wir nicht nur Werkzeuge und Prototypen. Diese Geschichte fand in den letzten 20 Jahren statt und wurde längst erzählt. Es geht nun darum, den nächsten Schritt zu gehen: Menschen gehen in ein Geschäft und kaufen 3D-gedruckte Produkte. Das ist der größte Sprung, den wir je geschafft haben. Zum ersten Mal können Sie in einem Laden einen 3D-gedruckten Schuh oder einen 3D-gedruckten Footballhelm kaufen, der ihr Kind besser schützt. Oder Sie können ein Auto von Ford oder BMW mit 3D-gedruckten Komponenten von uns kaufen.

 

Phil, danke für das interessante Gespräch.

Carbon auf der Formnext 2019

Halle 11.1, Stand E21

 

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