»Die Möglichkeiten werden derzeit noch nicht ansatzweise genutzt«

Interview: Thomas Masuch; Fotos: Rosswag GmbH ; Leichtbau BW — 09.09.2019

In der Luft- und Raumfahrt ist Additive Fertigung deshalb so erfolgreich, weil sie Gewichtseinsparung ermöglicht, die man mit konventionellen Technologien nicht erreichen kann. Doch wie gehen andere Branchen mit dem Thema Leichtbau um? Über die aktuellen Entwicklungen haben wir mit Dr. Wolfgang Seeliger, Geschäftsführer des Netzwerks Leichtbau BW, gesprochen.

Herr Dr. Seeliger, Sie leiten eines der größten Leichtbaunetzwerke der Welt. Welche Rolle spielt Additive Fertigung für die Unternehmen im Netzwerk?

SEELIGER: Die Bedeutung der Additiven Fertigung nimmt im Leichtbau immer weiter zu. Und auch die Anwendungspalette wird immer breiter: Wir können bionische Strukturen herstellen, die vorher nicht denkbar waren. Durch Funktions- und Bauteilintegration lassen sich Verbindungselemente und damit Gewicht und Kosten einsparen. Gas- oder Flüssigkeitsleitungen lassen sich ebenso in Bauteile integrieren, was den Prozess vereinfacht und gleichermaßen Kosten spart. Insgesamt führt Additive Fertigung zu mehr Material- und Kosteneffizienz, da Material nur da verwendet wird, wo es nötig ist. Funktionsintegration ist eines der grundlegenden Prinzipien des Leichtbaus. Denn beim Leichtbau geht es nicht nur um das Material – Leichtbau ist vor allem eine Frage des Engineerings: Wie lege ich Bauteile möglichst ressourceneffizient aus, damit sie eine gewisse Funktion erfüllen können? Mit der Digitalisierung kann man den Konstruktionsprozess dabei enorm beschleunigen. Hier sehen wir das Dreieck zwischen Leichtbau, Digitalisierung und additiver Fertigung, was insgesamt zu einem erheblichen Mehrwert führt.

 

Haben Sie auch konkrete Beispiele?

SEELIGER: Ein Unternehmen aus unserem Netzwerk, die Jomatik GmbH, fertigt additiv zum Beispiel Robotergreifer und verdient damit bereits Geld. Das Freiformschmiede-Unternehmen Rosswag, das sonst zum Beispiel tonnenschwere Turbinenaufhängungen schmiedet, hat mit Rosswag Engineering eine eigene Division für AM aufgebaut und in Kooperation mit MAN Schaufelkränze 3D-gedruckt. Insgesamt kann man sagen, dass sich inzwischen der Großteil der Unternehmen in unserem Netzwerk mit 3D-Druck beschäftigt. 50 Prozent haben auch einen 3D-Drucker im Haus stehen. Oft ist es aber noch Entwicklungsarbeit. Unser Eindruck ist, dass die große Herausforderung darin besteht, neue Anwendungen zu finden und 3D-Druck dort einzusetzen, wo es sich auch lohnt.

Wenn Leichtbau und additive Fertigung so hervorragend zusammenpassen, müsste doch die Zahl der Anwendungen eigentlich größer sein …

SEELIGER: Ja, allerdings. Die Möglichkeiten werden derzeit noch nicht ansatzweise genutzt. Das hat zahlreiche Gründe, die wir oft im Alltag erleben: Zum Beispiel denken und konstruieren viele Ingenieure noch nicht AM-gerecht. Oft sind Ingenieure mit entsprechender Ausbildung zum Beispiel in den Zulieferbetrieben nicht vorhanden. Und wenn es das entsprechende Know-how gibt, dann gibt der Kunde ein traditionelles Design vor.

 

Wie wäre denn dieser Kreislauf zu durchbrechen?

SEELIGER: Einerseits gibt es inzwischen sehr viele Bildungsangebote, und an den Universitäten ist AM oft Teil der technischen Ausbildung. Andererseits brauchen wir eine Prozessinnovation. Entwicklungen der OEMs sind meist vertraulich, Zulieferer werden oft erst dann eingebunden, wenn die Konstruktion schon steht. Hier muss stärker fachübergreifend gedacht und gehandelt werden. Diese Änderung kann aber nur aus den Chefetagen kommen.

Netzwerkunterstützung

Wie unterstützt ihr Netzwerk die Entwicklung von Additiver Fertigung?

SEELIGER: Das Thema 3D-Druck ist bei uns im Netzwerk vor rund vier Jahren aufgekommen. Seit 2015 organisieren wir dazu regelmäßig Netzwerkveranstaltungen wie Sprechstunden oder zusammen mit Partnern aus der Industrie auch Konferenzen. Dabei geht es um Themen wie Prozesssicherheit und Reproduzierbarkeit oder darum, wie abhängig man als Anwender von der Anlage und vom Material ist. Außerdem haben wir Studien veröffentlicht, die sich etwa mit den strategischen und betriebswirtschaftlichen Herausforderungen und Perspektiven beim industriellen Einsatz von AM beschäftigen.

 

Neue Technologien wie Additive Fertigung stoßen in manchen Betrieben auf Begeisterung, während andere skeptisch sind. Gibt es hier Unterschiede zum Beispiel zwischen größeren und kleineren Unternehmen?

SEELIGER Die Firmengröße spielt dabei nach unserer Erfahrung keine Rolle. Das ist eher eine Frage der Firmenkultur und der Führungscharaktere. Und da gibt es sehr große Kulturunterschiede. Ich bin überzeugt, dass die künftigen wirtschaftlichen Herausforderungen am besten von den Unternehmen gemeistert werden, die rechtzeitig über die nötige technologische Varianz verfügen, anstatt nur auf die Vorgaben der Kunden zu reagieren.

 

Herr Dr. Seeliger, wir bedanken uns für das Gespräch.

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Die Leichtbau BW vertritt mit 2.200 Unternehmen, davon 1.100 aus Baden-Württemberg und 500 aus dem Ausland, und über 270 Forschungseinrichtungen das wohl größte Leichtbau-Netzwerk der Welt. Unter dem Motto »Weniger ist mehr« unterstütz die Landesagentur die Vermarktung von Know-how im Leichtbau aus Baden-Württemberg und fördert Innovationspotenziale im Land. Auf der Formnext 2019 präsentieren sich auf dem Gemeinschaftsstand (Halle 12.0, Stand D95) neun Unternehmen aus dem Netzwerk der Leichtbau BW: INPECA GmbH | BÖLLINGER GROUP, BURGMAIER AM, CADFEM GmbH, fabrikado GmbH, MIMplus Technologies GmbH & Co. KG, Q.big 3D, Rosswag GmbH, Schübel GmbH, Visiotech GmbH

 

Leichtbau BW auf der Formnext 2019

Halle 12.0, Stand D95

 

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