»Komplexität der Fertigung wird völlig unterschätzt«

Interview: Thomas Masuch; Fotos: Materialise / Thomas Masuch — 08.02.2020

In den vergangenen 30 Jahren hat sich Materialise von einem Start-up an der Universität Leuven zu einem der größten Unternehmen der AM-Welt entwickelt und ist seit 2014 auch an der Börse NASDAQ gelistet. Mit den Unternehmensbereichen Software, Medical und Manufacturing ist das 2.000 Mitarbeiter zählende Unternehmen weltweit aufgestellt. Anlässlich des 30. Geburtstags von Materialise, der am 28. Juni 2020 gefeiert wird, haben wir den Gründer und Geschäftsführer, Fried Vancraen, am Hauptsitz in Leuven besucht und mit ihm über die bisherige Entwicklung, aktuelle Trends und die Herausforderungen für die Zukunft gesprochen.

Herr Vancraen, wenn wir zuerst einmal zurückblicken – was war vor 30 Jahren Ihre Motivation als Gründer?

VANCRAEN: Ich wage einmal zu behaupten, es war die Leidenschaft, Forschung anzuwenden. Und das betrifft nicht nur mich, sondern Materialise insgesamt. Es geht nicht nur um Technologie, sondern um sinnvolle Anwendungen, die die Welt zu einem besseren und gesünderen Ort machen. Das war unser Ansatz bei der Planung von Materialise, wir haben das auch bei der Eröffnung gesagt, und es gilt nach wie vor. Wir haben dort angefangen, wo es gesunde Anwendungen gibt. Das ist im Wesentlichen die Philosophie, die wir mit Materialise verfolgt haben und die uns auch heute noch antreibt.


Wenn man die letzten 30 Jahre in Jahrzehnte aufteilt – was wäre der Titel für das erste?

VANCRAEN: Es ans Laufen zu bringen. Wir haben daran gearbeitet, 3D-Drucker zum Beispiel mit einem CT-Scanner zu verbinden – und mussten das auf eine konstante Basis stellen. Das war die Zeit der großen Innovationen – SLS, FDM und Metall-Sintering wurden erfunden. Und man darf auch nicht vergessen, dass wir in einer Zeit angefangen haben, in der es das Internet in der Form nicht gab. Wir waren damals schon glücklich, dass wir auf dem Universtätscampus angesiedelt waren, wo es so etwas wie ein E-Mail-System gab. Aber trotzdem wurde die erste Marktstudie für die Gründung von Materialise noch per Fax verschickt – die gebräuchlichste Technologie zu dieser Zeit.

»Es geht nicht nur um Technologie, sondern um sinnvolle Anwendungen, die die Welt zu einem besseren und gesünderen Ort machen.«

 

Und Ihre erste Anlage war ein SLS A-5 von 3D Systems?

VANCRAEN: Ja, wir haben sie damals für rund 250.000 Euro gekauft. Das Gehäuse ist übrigens bei uns in der Produktion immer noch im Einsatz – obwohl wir natürlich die Rechner und die Laser ausgetauscht und das gesamte Innenleben erneuert haben.

 

Was waren in der Geschichte von Materialise Ihre wagemutigsten Entscheidungen, von denen man sagen kann, dass sie das Unternehmen dorthin geführt haben, wo es heute steht?

VANCRAEN: Eine der gewagtesten Entscheidungen, die wir bewusst trafen und über die wir später sehr glücklich waren, war es, mit dem Verkauf unserer Software zu starten. Damals verdienten wir schließlich nur als Dienstleister Geld. Unsere Konkurrenten waren Formenbauer, die Modelle auch 3D-drucken konnten und gleichzeitig auch die Nachbearbeitung beherrschten. Als wir starteten, hatten wir noch sie so ein Modell hergestellt. Unser Vorteil war stattdessen, dass wir uns gut mit Computern auskannten. Wir waren jung und mit der ersten Generation von PCs gut vertraut. Was wir besser konnten als andere, war die Übersetzung von CAD-Daten in druckfähige Dateien. Und dann entschieden wir uns, unseren größten Wettbewerbsvorteil an unsere Konkurrenten zu verkaufen. Damit haben wir uns ins eigene Fleisch geschnitten.

Und was hat für diese Entscheidung den Ausschlag gegeben?

VANCRAEN: Auch wenn das damals noch ein kleiner Markt war, haben wir 1992 mit dem Verkauf unserer Software begonnen, in dem Glauben, dass sich daraus noch größere Möglichkeiten ergeben. Außerdem waren wir überzeugt, dass wir es ohnehin nicht schaffen würden, unsere Software-Entwicklungen auf interne Zwecke zu beschränken. Und letztendlich hat uns die Software erlaubt, ein internationales Unternehmen zu werden und nicht nur ein regionaler Dienstleister zu bleiben. Aber es hat auch einige Jahre gedauert, bis das Software-Geschäft profitabel wurde, weil es anfangs ein wirklich kleiner Markt war.

 

Wie hat später der Börsengang die weitere Entwicklung von Materialise beeinflusst?

VANCRAEN: Das bedeutete tatsächlich, dass wir uns einigen größeren Veränderungen unterwerfen mussten. Allerdings möchte ich herausstellen, dass dies nicht das erste Mal der Fall war. Wenn ein Unternehmen wächst, gibt es Veränderungen in vielen Abschnitten – wenn man von einem auf zwei Mitarbeiter wächst, von zwei auf zehn, von zehn auf 20 und so weiter. Jedesmal muss man sich neu strukturieren. Und als wir an die Börse gingen, hatten wir 1.000 Mitarbeiter, heute sind es 2.000. Diese Veränderung ist wichtig, und der Börsengang war ein Teil davon. Es bedeutet, dass wir heute strenger in unseren finanziellen Prozessen und auch SOX-konform sein müssen, und das ist nicht immer angenehm. Aber es hat auch Möglichkeiten eröffnet, Dinge besser zu strukturieren. Wir haben nun viel besser strukturierte Prozesse, die wir überall dort benötigen, wo wir zertifizierte Anwendungen anbieten, zum Beispiel in der Medizin und in der Luft- und Raumfahrt.

 

Um beim Thema Börse zu bleiben: Im Gegensatz zu den meisten anderen börsennotierten AM-Unternehmen hat sich der Kurs von Materialise in den vergangenen fünf Jahren ausgesprochen gut entwickelt und ist um fast 100 Prozent gestiegen. Was macht Materialise anders?

VANCRAEN: Ich habe mit meinem Team versucht, realistische Prognosen zu geben. Während der letzten Jahre haben wir es für möglich gehalten, mit unserem Unternehmen über fünf Jahre 20 Prozent jährlich zu wachsen. Und in Bezug auf den Start 2014 haben wir diese Wachstumsrate auch erfüllen können. Ich denke, das ist es, was die Börse erwartet. Wir haben die Wachstumsversprechen immer runtergeschraubt. Aber am Anfang war das ein Kampf, sogar mit den Bankern, die uns an die Börse bringen wollten.

Die wollten also ihre Geschichte »verschönern«?

VANCRAEN: Ja, das wollten sie. Sie wollten uns mit einer Story mit enormen Wachstumsraten vermarkten, so wie es andere börsennotierte AM-Unternehmen gemacht haben. Manche Investor-Relations-Storys sagen ein jährliches Wachstum von 50 % für fünf Jahre voraus. Das ist nicht zu bewältigen. Solche Wachstumsraten gibt es vielleicht bei reinen Internetfirmen, deren Geschäftsmodell sich gut skalieren lässt. Aber bei der Entwicklung von Maschinen oder in der Fertigung ist so ein Wachstum nicht machbar.

 

Wenn wir über die aktuelle Lage sprechen, welche Herausforderungen ergeben sich im Tagesgeschäft, insbesondere wenn man berücksichtigt, dass der Trend in der AM-Branche immer mehr in Richtung Industrialisierung geht?

VANCRAEN: Was wir akzeptieren müssen, ist die Tatsache, dass in vielen Fertigungsbereichen die Leute immer noch glauben, dass der Preis eines Produkts den reinen Produktionskosten entspricht. Das ist aber komplett falsch. Man hat die gesamte Planung, das System für die Qualitätssicherung, das gewährleistet, dass man immer wieder identische Teile produziert, – zum Beispiel für die Medizintechnik oder die Luft- und Raumfahrt, und dass ein Flugzeug eben nicht abstürzt. Und das Ganze kostet viel mehr als die reine Produktion.

 

Das erinnert mich an die traditionelle Automobilindustrie, wo Lieferanten der großen Hersteller immer wieder gedrückt werden und jedes Jahr Teile zu einem geringen Preis produzieren müssen.

VANCRAEN: Es gibt tatsächlich auch im Bereich 3D-Druck Tendenzen in diese Richtung – wobei auch in der traditionellen Old Economy Lieferanten einen gewissen Schutz haben, weil sie die Werkzeuge haben und wissen, wie man damit umgeht. Dadurch ist der OEM an den Lieferanten zumindest für die Dauer einer Pkw-Serie gebunden und kann ihn nicht so einfach ersetzen. Jetzt vergeben Unternehmen nur noch Verträge für ein Jahr, und dafür gibt es auch in der AM-Industrie Beispiele. Nach einem Jahr befindet man sich dann erneut in einer Wettbewerbssituation.

Für die AM-Industrie ist das eine gefährliche Entwicklung, weil es für die Dienstleister bedeutet, dass sie weniger Gewinn machen und vorsichtig sein müssen, wie sie ihre Maschinen abbezahlen. Das klingt nach Geschäften, die nicht wirklich Spaß machen, zumindest für eine Seite … Es ist eine große Herausforderung, geistiges Eigentum und Schaffen zu schützen. Denn auf der anderen Seite entwickelt sich industrielle Fertigung nicht schneller in Richtung 3D-Druck, weil es so schwer und so kostenintensiv ist, vom Prototyp zu einem industriell fertigbaren Produkt zu kommen. Es dauert Monate, die Maschine einzurichten, den Prozess zu stabilisieren, die Dokumentation und vieles mehr zu erledigen.

 

Aber wie kann ein Dienstleister sein Know-how sichern?

VANCRAEN: Wir glauben, dass es wichtig ist, dass Anwender geschützt sind und dass sie ihr Prozess-Know-how in die Software einspielen können, sodass der Produktionsprozess nicht einfach kopiert werden kann. Das ist ein Kampf zwischen geschlossenen und offenen Systemen.

Das klingt wie der Kampf zwischen Microsoft und Apple in den 1990ern und frühen 2000ern.

VANCRAEN: Zu einem gewissen Grad, ja. Die Hersteller der Maschinen kontrollieren alle Einstellungen und standardisieren alles. Aber wenn das dazu führt, dass man heute ein Teil produziert und morgen dein Konkurrent das kopieren und genau das Gleiche tun kann, dann führt das zu einem Abwärtsstrudel. Oder man hat eine Maschine, auf der man sein Produkt optimiert, und jemandanders muss zumindest den gleichen Aufwand betreiben, um den Produktionsprozess zu optimieren. Bei geschlossenen Systemen braucht man ein solches spezifisches Wissen aber gar nicht mehr. Man braucht nur eine Maschine und drückt auf den Knopf.

 

Wie wollen Sie das lösen?

VANCRAEN: Zum Glück ist 3D-Druck doch viel komplizierter, als die meisten Leute glauben. Man muss entwickeln und einiges an Know-how investieren, um gleichbleibend und zuverlässig zu produzieren. Außerdem versuchen wir zu automatisieren, um noch effizienter zu werden. Und wir wollen unser Ecosystem nicht verschließen. Allerdings merken wir auch, dass es auch mit einigen Tücken und Risiken verbunden ist, wenn man den Anwendern zu viel Offenheit zugesteht. Denn dann verlieren sie sich in der Vielzahl von Parametern. Wir dürfen ja nicht nur den 3D-Druckprozess betrachten, denn hier bestimmt man ja auch Startbedingungen für das sehr wichtige Postprocessing. Diese Komplexität der Fertigung wird völlig unterschätzt. Viele Leute bekommen Probleme, wenn sie den Verkaufsgeschichten glauben, dass man eine Serie genauso drucken kann wie einen Prototyp.

 

AM ist also nicht in jedem Bereich schon so weit entwickelt, wie uns Medien, Vertrieb und Marketing glauben machen wollen?

VANCRAEN: Ich glaube, erfahrene Unternehmen wie wir, EOS, Concept Laser und andere wissen das. Aber es gibt viele Neueinsteiger, die immer wieder behaupten, sie hätten die Probleme gelöst. Die machen dann ziemlich mutige Aussagen und verführen eine gewisse Zahl von Kunden. Später können sie ihre Versprechen dann nicht halten. Wir befinden uns gerade in der Phase, in der viele vielversprechende Aussagen kursieren, laut denen wir schon das Ziel erreicht haben. Aber unsere Erfahrung ist, dass wir bis dorthin noch einige Meilen zurücklegen müssen.

 

Wir haben mit der Geschichte der vergangenen drei Jahrzehnte begonnen. Was noch fehlt, ist ein Ausblick auf die kommende Dekade …

VANCRAEN: Derzeit muss 3D-Druck noch viele Produkte und Märkte erobern, weil es noch recht jung ist und mit den traditionellen Technologien konkurriert. Ganze Unternehmen sind um die besten Prozesse dieser traditionellen Technologien herum entstanden, wodurch diese so effizient geworden sind. Das heißt aber auch, dass das digitale Gerüst fehlt. Man muss es aufbauen und bezahlen. Derzeit finanziert es sich durch High-End-Anwendungen. Aber ich beobachte, dass sich diese Balance verändert. Wenn man einmal, wie hier bei Materialise, in einer Umgebung ist, in der diese Investitionen getätigt wurden und das digitale Gerüst steht, dann passt sich die Produktion auch daran an. Es wird billiger, das nächste Projekt innerhalb dieses digitalen Gerüsts einzugliedern. Und dann werden viele neue Anwendungen möglich, und eine neue Welt öffnet sich.

 

Herr Vancraen, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Fried Vancraen und Materialise

Nachdem er vier Jahren an einem belgischen Forschungszentrum gearbeitet hatte, gründete Fried Vancraen 1990 im Alter von 28 Jahren Materialise. Zum Gründungsteam gehörten seine Ehefrau Hilde Ingelaere sowie Bart Van der Schueren (heute CTO), Johan Pauwels (heute Vice President International) und Philippe Schiettecatte, derzeit einer der leitenden Ingenieure für »Design for Additive Manufacturing«. Zusammen mit seiner Frau besitzt Fried Vancraen immer noch die Aktienmehrheit an Materialise. Das Unternehmen mit Hauptsitz im belgischen Leuven beschäftigt rund 2.000 Mitarbeiter und hat Niederlassungen auf fünf Kontinenten.