Herzlicher Hype

von Thomas Masuch — 30.05.2019

Kolumne »Schräg gedacht«

Das menschliche Herz gilt ja gemeinhin als Sinnbild für Vitalität, Lebensfreude und Energie. Es ist der Motor des Lebens – nicht nur für uns Menschen, sondern für alle höheren Lebewesen. Und quasi nebenbei bietet es schon seit Menschengedenken die Heimat für Seele, große Gefühle und nicht zuletzt die Liebe. Über viele Kulturen hinweg ist es umgeben von einer fast mystischen Aura.

Als vor einigen Wochen israelische Forscher bekanntgaben, sie hätten ein menschliches Herz 3D-gedruckt, konnte man hier nicht nur einen medizinischen Durchbruch erahnen, sondern fast schon die Neuauflage der Schöpfungsgeschichte. Die biomedizinische Zukunft erschien wie eine Szene aus dem Film »Das 5. Element«, wo aus den verbrannten Hautresten eines Außerirdischen im Bioprinter die adamskostümierte Milla Jovovich gefertigt wird und später die Welt rettet. Kein Wunder also, dass TV, Radio sowie (2D)-Print- und Onlinemedien die Geschichte des 3D-gedruckten Herzens gern aufnahmen und teilweise in den Hauptnachrichten sendeten.

Unterhält man sich mit unabhängigen Forschern über das Projekt, dann ist der Druck eines funktionierenden Herzens derzeit allerdings so realistisch wie die Einführung von Nordkoreanisch als erste Fremdsprache an US-Schulen.

Ohne die Arbeit der israelischen Forscher diskreditieren zu wollen, sollte aber erwähnt werden, dass eine mediale Präsenz für Reputation und Fördermittel in der Wissenschaft wohl genauso wichtig ist, wie die Überzeugung von Investoren in der Start-up-Szene.

cool und fortschrittlich

3D-Druck, als eine der prägendsten und fortschrittlichsten Technologien, kommt manchmal sogar (und meist erfolgreich) als Marketingtool zum Einsatz. Denn sobald irgendwo auch etwas weniger Bahnbrechendes 3D-gedruckt wird, gilt es als cool und fortschrittlich.

Dabei hat die AM-Branche ihren sogenannten Hype schon seit Jahren hinter sich gelassen. Das Wissen um die Additive Fertigung ist enorm gestiegen und bei aller Euphorie wird die Bewertung von Chancen, Risiken und Business Cases realer, ohne dass die Zukunftsvisionen darunter leiden.

Auch millionenschwere Fundings können nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch Investoren offenbar mit mehr Augenmaß vorgehen als noch vor einigen Jahren als investmentfinanzierte Start-ups aus dem Boden schossen und z. B. New York zur weltweiten 3D-Druck-Metropole aufstieg. Langfristig kann mehr Realismus nur gut tun, denn spannende reale Anwendungen gibt es mehr als genug. Ganz zu schweigen von den weniger spektakulären Projekten, die aber genauso dazu beitragen, Produkte und Fertigungsprozesse und letztlich vielleicht auch einen Teil unseres Lebens zu verändern. Das Wachstum der Branche und die Verbreitung von AM-Anwendungen scheint unaufhaltsam zu sein und die Branche so spannend wie noch nie. Und auch wenn das etwas herzlos klingen mag: euphorische mediale Übertreibungen sind da gar nicht nötig.