Selfiestick statt Pferdekutsche

von Thomas Masuch - 09.09.2019

Kolumne »Schräg gedacht«

Wer schon einmal in Rom war, der hat nicht nur das Kolosseum, den Palatin oder den Circus Maximus gesehen, sondern auch ein unüberschaubares Gewusel an Touristen, zahllose Selfie-Stick-Verkäufer und Menschenschlangen, deren Ende man irgendwo in der Ferne erahnen kann. Das Reisen hat sich geändert, auch dank Billigflügen, Reiseportalen und Google Maps. Wer heute andere Länder sehen will, kann das auch ohne üppiges Budget, Sprach- oder Ortskenntnisse.

Offenbar hat sich auch die Motivation vieler Reisender geändert. Während man in sehr ferner Vergangenheit »nicht reiste, um anzukommen, sondern um zu reisen« (Goethe), fühlen sich inzwischen gerade Vertreter der jüngeren Generation von der Instagramtauglichkeit bestimmter Orte magnetisiert. Wie eine Studie belegt, suchen 40,1 Prozent der Millennials ihre Reiseziele danach aus, wie geeignet sie für ihre So cialMedia-Kanäle sind. Selbst bei Speisen wird auf eine Social-Media-Tauglichkeit geachtet, so das Reiseportal Momondo. (Der Avocado-Toast schneidet hier übrigens sehr gut ab.)

Nun kann man rückblickend nicht sicher sagen, ob Goethes berühmte Italien-Reise von 1786 bis 1788 anders verlaufen wäre, wenn der große Dichter damals einen Instagram-Account besessen und am Kolosseum einen Selfiestick erworben hätte. Vielleicht wäre er nie bis Sizilien gekommen, sondern hätte sich lieber mit einem Avocadotoast am Trevibrunnen fotografiert. Stattdessen aber fuhr er ziemlich unhip per Pferdekutsche weiter gen Süden und beschäftigte sich mit so langweiligen Dingen wie »Menschen, Gasthöfen, gegenwärtigen Zuständen oder Gesinnungen«.

Erinnerungen in 3D

Nun sind Fotos, Postings und Videos von fremden Orten auch der Versuch, das Exotische der Ferne mit nach Hause oder in sein heimisches Netzwerk zu tragen. Dass dies aber nicht ganz funktionieren kann, wusste auch Goethe schon, denn »die Fremde hat ein fremdes Leben, und wir können es uns nicht zu eigen machen« – selbst dann nicht, wenn sie uns als Gast so sehr gefällt.

Doch auch der Gehalt solcher Weisheiten muss nicht von ewiger Dauer sein. Denn auch Goethe konnte nicht erahnen, dass Samsung 2019 sein Note10+ auf den Markt bringt, mit dem man nicht nur Fotos, sondern auch 3D-Modelle aufnehmen kann. Und damit lassen sich die schönsten Motive aus der Fremde zu Hause ganz real ausdrucken, in 3D selbstverständlich. Oder man kauft künftig am Kolosseum für unterwegs einen Selfie-3D-Drucker.