»Medizinische Produkte sind etwas für Profis«

von Thomas Masuch — 21.04.2020

Im Kampf gegen Corona verbindet das Netzwerk »Medical goes Additive« Kliniken und 3D-Druck-Kapazitäten und fördert sinnvolle Anwendungen

Ein Linkedin-Post hat bei Stefanie Brickwede dafür gesorgt, dass das Telefon seit einigen Tagen praktisch nicht mehr stillsteht und der Arbeitstag rund 15 Stunden hat. Als die Geschäftsführerin des Vereins »Mobility goes Additive e.V.« vor rund einem Monat den Aufruf der EU an die Welt der Additiven Fertigung zur Unterstützung in der Corona-Krise teilte, meldeten sich innerhalb kürzester Zeit über 150 Unternehmen, die Ihren Beitrag leisten wollten. Inzwischen sind daraus sogar 270 geworden – einschließlich Automobil- und Sportbekleidungshersteller.

Um die zuständigen Stellen in der EU zu entlasten, »war für uns schnell klar, dass wir hier eine eigene Taskforce ins Leben rufen müssen«, erklärt Brickwede. Das Netzwerk »Medical goes Additive«, eine Sparte von »Mobility goes Additive«, informiert in den wöchentlich stattfindenden WebEx-Calls über die aktuellsten Entwicklungen bei der Beschaffung von additiv gefertigten medizinischen Ersatzteilen und Schutzausrüstungen. Auch für Nichtmitglieder sind diese Calls zugänglich.

Viele Unternehmen und private »Maker« würden medizinischen Einrichtungen mit Hilfsanfragen überfluten. »Wir wollen diese Anfragen kanalisieren und somit auch den Krankenhäusern den Rücken frei halten«, erklärt Stefanie Brickwede. So sollen zum Beispiel konkrete 3D-Druck-Kapazitäten dem konkreten Bedarf von Krankenhäusern und anderen Einrichtungen zugeordnet werden. Dafür stehen Brickwede und ihre Kollegen mit zahlreichen Notfallhilfen, Heimen und Verbänden der ambulanten Versorgung in Kontakt, allein im Berliner Umfeld sind das ein gutes Dutzend.

Erste Exemplare bereits ausgeliefert

Diese Kontakte nutzt das Netzwerk auch, um für benötigte Produkte wie Gesichtsschilde die Entwicklung und Produktion zu koordinieren. Dafür gebe es zwar bereits einige frei zugängliche Designs, doch beim längeren Tragen seien die daraus 3D-gedruckten Schilde zum Teil unbequem. »Aktuell haben wir deshalb mehrere Prototypen in Arbeit, die wir mit dem Klinikpersonal und den Ärzten gemeinsam weiterentwickeln.« Die ersten Exemplare wurden nun an Kliniken ausgeliefert.

Auch wenn dank 3D-Druck bestimmte Produkte sehr schnell zu produzieren sind, betont Brickwede, deren Ehemann selbst Arzt ist, den hohen Qualitätsanspruch in der Medizin. Das gilt auch für ein relativ einfaches Produkt wie einem Gesichtsschild, das aus einem 3D-gedruckten Stirnband und einer eingesteckten transparenten Folie oder dünnen Platte besteht. »3D-Druck ist zu teuer für Single-Use-Teile, deshalb muss man bei der Produktion auch an die nötige Desinfizierung oder sogar an die Sterilisation im klinischen Einsatz denken.« Das Desinfizieren erfordert bestimmte Oberflächen, das Sterilisieren bei über 120 Grad Celsius in einem Autoklaven funktioniert nur mit hitzebeständigen Materialien. Zudem gebe es für medizinische Schutzausrüstung europäische Normen, »und wer ernsthaft liefern will, sollte sich mit solchen Normen auseinandersetzen.«

Nicht alles ist gut, was gut gemeint ist

Zu besonderer Vorsicht mahnt Brickwede bei Ersatzteilen für Beatmungsgeräte. »Da geistert ja derzeit einiges durch das Web, sogar Beatmungsgeräte zum Selberbauen.« Dabei ist nicht alles gut, was gut gemeint ist: »Jeder sollte sich fragen, ob er selbst nahe Angehörige an solch ein Gerät anschließen lassen würde.« Immer geht es hier ja um Leben und Tod, was im Extremfall auch eine rechtliche Ebene, zum Beispiel in Bezug auf die Produkthaftung, haben kann. Hierzu ist »Medical goes Additive« mit spezialisierten Anwälten in einem intensiven Austausch.

Für Brickwede sind solche medizintechnischen Bauteile und Produkte ohnehin etwas für Profis. Medizinische Laien, die einen 3D-Drucker zur Verfügung haben, sollten besser mit weniger kritischen Bauteilen helfen. Das könnten dann zum Beispiel Schutzschilde für den Alltag sein. Schließlich kommen ja auch Mitarbeiter von Busunternehmen, Supermärkten, Bäckereien und viele mehr tagtäglich mit zahlreichen anderen Personen in Kontakt. Auch hier ist der Einsatz von Gesichtsschutz sinnvoll. Und diese haben dann andere, meist geringere Anforderungen, da sie nicht als medizinische Teile gelten.

Medical goes Additive:

Auf seiner Website informiert »Medical goes Additive« über aktuelle Projekte und anstehende virtuelle Sitzungen im Corona-Kontext. Außerdem stehen konkrete Anwendungen und nützliche Designs zum Download zur Verfügung.