Innovationstempo als Teil der DNA

Text und Fotos: Thomas Masuch - 25.10.2018

Es gibt selbst in der sehr liberalen Branche der Additiven Fertigung nur wenige Unternehmen, die ihre Offenheit so konsequent zur Firmenphilosophie erhoben haben wie Additive Industries. Ein Beispiel dafür ist die neue Firmenzentale in Eindhoven im ehemaligen Philipps-Werk. Der Innenbereich der Halle leuchtet fast gänzlich in weiß. Hier kann man selbst von den Montageplätzen aus problemlos in die gläsernen Büros und Labore blicken.

„Die Halle ist hell, sauber, sicher und offen und ein gutes Beispiel für das Erbe der niederländischen Industrie“, so Daan Kersten, einer der Gründer von Additive Industries bei der Eröffnung Anfang Oktober. Bei der Einweihung war die neue Firmenzentrale noch eine große Bühne, auf der der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte den offiziellen Startknopf drückte. Die Größe der Halle und der hohe politische Besuch konnten an dem Tag leicht darüber hinwegtäuschen, dass Additive Industrie gerade einmal fünf Jahre alt ist.

Während andere Unternehmen oft aus einem Spin-off entstehen, haben wir komplett bei Null angefangen.

Die beiden Gründer Jonas Wintermans und Daan Kersten starteten in einem winzigen Büro in Eindhoven. Inzwischen hat sich das Unternehmen mit 70 Mitarbeiter und einem Umsatz von 10 Millionen Euro zu einem wichtigen Player der Branche entwickelt. Laut Jonas Wintermans sind mittlerweile 20 Anlagen der MetalFAB1 installiert – unter anderem bei namhaften Unternehmen wie BWM, SMS Group, GKN, Sauer oder Airbus. Mit dem modularen Aufbau der MetalFAB1 hat das niederländische Unternehmen früh auf die additive Serienfertigung gesetzt.

»Man muss kein Ingenieur sein«

»Während andere Unternehmen oft aus einem Spin-off entstehen, haben wir komplett bei Null angefangen«, erinnert sich Wintermans. Als Banker und Strategieberater kamen zudem aus anderen Branchen, »doch man muss kein Ingenieur sein, um dahin zu kommen, wo wir heute sind«, erklärte Wintermans nicht ohne Stolz bei seiner Ansprache zur Eröffnung vor internationalem Publikum.

Bei der Unternehmensentwicklung setzten die beiden Gründer eine klare Philosophie um: Offene und schlanke Strukturen, starke Partner und eine konsequente Fokussierung auf die eigenen Stärken. »Dabei ist ein Teil unserer DNA, unser Innovationstempo hoch zu halten«, erzählt Daan Kersten. Deshalb arbeite Additive Industries vor allem mit großen Unternehmen als Kunden. So könne Additive Industries nicht nur den Produktionsprozess beim Kunden sondern auch die Entwicklung der MetalFAB1 vorantreiben. Größere Stückzahlen beim Verkauf erhofft sich Kersten unter anderem dadurch, dass bestehende Kunden auf die erste Anlage weitere Bestellungen folgen lassen. »Denn begeisterte Kunden kaufen mehr.«

Neue Wege im Service

Sprichwörtlich eng verbunden sind Additive Industries und seine Kunden auch beim Service. Von Eindhoven aus können die Techniker auf sämtliche MetalFAB1 Anlagen zugreifen, sofern Kunden das erlauben. Daan Kersten zeigte sich freundlich erstaunt, dass fast alle Kunden diesen Service nutzen. Bei wenigen Dutzend Anlagen, die über zahlreiche Länder und Regionen verteilt sind, stellt der Servicebereich besondere Anforderungen. Diesen begegnet Additive Industries, in dem Mitarbeiter der Kunden vor Ort mit Headset und Kamera ausgestattet werden. So könnten Servicefälle noch besser per Fernwartung gelöst werden.

Bei der unternehmerischen Entwicklung hat sich Additive Industries konsequent auf seine Stärken konzentriert und viele technische Entwicklungen ausgelagert. Von der gesamten Prozesskette beim Bau der MetalFAB1 finden nur Forschung&Entwicklung sowie Sales&Service unter dem Dach von Additive Industries statt. Von Dienstleistern werden die anderen Bereiche übernommen vom Design&Engineering über Prototyping, der Produktion der Komponenten bis zur Integration der Systeme. »Wenn wir etwas kaufen können, das gut funktioniert, warum sollen wir es dann selbst entwickeln«, beschreibt Kersten die Strategie.

32.000 Einzelteile

Die aus 32.000 Einzelteilen bestehende MetalFAB1 wird von Partnern schon in fertigen Modulen in die Werkhallen von Additive Industries geliefert. Hier erfolgen dann in knapp drei Wochen Endmontage, Tests und Versand.

Die gelebte Offenheit im Unternehmen verfolgen die Gründer Wintermans und Kersten recht kompromisslos sowohl im Austausch mit Kunden, Partnern als auch Mitarbeitern. Dazu zählt unter anderem auch, dass sich alle Kunden zweimal im Jahr in Eindhoven treffen, Erfahrungen austauschen und weitere Entwicklungen diskutieren. »Sicherlich funktioniert Offenheit nicht, wenn das nur in eine Richtung läuft«, so Kersten. »Aber insgesamt haben wir dadurch deutlich mehr Vor- als Nachteile.«

Letztendlich steigert die offene Unternehmenskultur laut Kersten auch die Zufriedenheit der Mitarbeiter. Diese liegt bei 75 Prozent, wie das Unternehmen selbst ermittelt hat. Und Transparenz ist dabei ein entscheidender Faktor. »Die Leute wollen einbezogen werden.«

200 Maschinen pro Jahr möglich

Die technische und unternehmerische Entwicklung von Additive Industries ist stark durch Wintermans Familie getrieben, die in den Aufbau des Unternehmens investiert hat. Damit konnte Additive Industries am neuen Standort die Größe seiner Produktions- und Büroflächen vervielfachen. Zehn Anlagen können in dem renovierten Philipps-Gebäude gleichzeitig moniert werden. Das ergibt eine Fertigungskapazität von bis zu 200 Maschinen pro Jahr.

Während im neuen Gebäude hell leuchtend die Moderne Einzug gehalten hat, erinnern außen noch die orangefarbenen Ziegel an die fast 100-jährige Philipps-Ära. Dieses Erbe wollen Wintermans und Kersten mit ihrem Team auch in den nächsten Jahren mit viel Tempo in die Zukunft führen. In einigen Jahren soll die MetalFAB1 als »das System betrachtet werden, das den Markt verändert hat.«

Additive Industries auf der Formnext 2018:

  • Halle 3.0, Stand E40